Chronischer Viszeralarterienverschluss / Angina abdominalis

Definition:

→ I: Bei der Angina abdominalis (= Claudicatio intestinalis = Ortner-Syndrom) handelt es sich um eine chronische Ischämie infolge einer arteriellen intestinalen Minderperfusion.

→ II: Die klinische Symptomatik wird gerade bei erhöhtem Blutbedarf (= postprandial) provoziert.

527 Kollateralen im viszeralen Stromgebiet

 

Anatomie: Die Viszeralarterien, der Truncus coeliacus, die A. mesenterica superior und die A. mesenterica inferior, sind über die A. gastro-, die A. pancreaticoduodenalis und die Riolan´sche Anastomose miteinander verbunden, sodass eine Stenosierung durch die vorhandenen Kollateralkreisläufe lange asymptomatisch bleibt.

 

Ätiologie:

→ I: Meist im Zuge einer generalisierten Arteriosklerose.

→ II: Infolge von Arteritiden wie z.B. der Endangiitis obliterans, aber auch durch externe Kompression bei Lymphomen und Tumoren etc.

III: Eine Rarität stellt die Kompression des Truncus coeliacus durch einen Zwerchfellschenkel (Lig. arcuatum mediale) dar.

 

Klinik:

→ I: Das klassische, jedoch selten nachweisbare Ortner-Trias besteht aus:

→ 1) Postprandialen, dumpfen Abdominalschmerzen, die 10-30 min nach Nahrungsaufnahme auftreten, periumbilikal lokalisiert sind und ca. 1-3h anhalten.

→ 2) Malabsorption und

→ 3) Einem Stenosegeräusch über dem betroffenen Gefäß (A. mesenterica superior, periumbilikal).

II: Ursache des begleitenden Gewichtsverlustes sind die starken postpradialen Schmerzen, da in der Folge die Nahrungsaufnahme vermieden wird.

III: Die chronische Viszeralarterienischämie verläuft in 3 Stadien:

→ A) Stadium 1: Ist asymptomatisch; jedoch besteht ein angiographisch nachweisbare Stenose (zumeist Zufallsbefund).

→ B) Stadium 2: Intermittierend auftretende postprandiale stechende Schmerzen (infolge einer Minderperfusion bei erhöhtem Bedarf) und Malabsorption.

→ C) Stadium 3: Dauerschmerzen unterschiedlicher Intensität und ischämische Kolitis mit Meteorismus und Abmagerung.

→ D) Stadium 4: Akutes Abdomen aufgrund von Darmparalyse und Durchwanderungs-Peritonitis aufgrund des Darmgangräns (akutes Abdomen).

 

Diagnose:

→ I: Anamnese/klinische Untersuchung:

→ 1) Arteriosklerotische Vorerkrankungen wie KHK, Claudicatio intermittens, zerebrale Insulte, sowie gefäßchirurgische Eingriffe in der Vorgeschichte.

2) Auskultatorischer Nachweis von Stenosegeräuschen periumbilikal; häufig im Zusammenhang mit Resorptionsstörungen (Fettstühlen).

→ II: Bildgebende Verfahren:

1) Duplexsonographie: Durch den geübten Untersucher ist die Darstellung des Blutflusses (Richtung, Ausmaß) möglich.

→ 2) (CT-/MRT)-Angiographie mit Darstellung der Viszeralarterien dient der sicheren Diagnosestellung.

534 Mesenteriale Arterienveränderungen bei der Angina abdominalis

 

Differenzialdiagnose:

→ I: Abdominalbescherden können durch viele Erkrankungen hervorgerufen werden; hierzu zählen u.a.:

→ 1) Ulcus ventriculi und Ulcus duodeni.

→ 2) Cholelithiasis.

→ 3) Pankreatitis.

4) Malignome.

→ 5) Gastrointestinale Perforationen (z.B. akute Varizenblutung etc.) 

→ II: Kardiovaskulär:

→ 1) Aortenaneurysma;

→ 2) Aortendissektion.

→ 3) Myokardinfarkt;

→ 4) Akuter Mesenterialinfarkt.

→ 5) Mesenterialvenenthrombose.

 

Therapie:

→ I: Interventionelle Therapie: Bei kurzen Stenose-Segmenten kann eine Ballondilatation mit anschließender Stent-Implantation in Erwägung gezogen werden.

→ II: Operative Therapie: Bei Stenosen im Bereich des Truncus coeliacus und der A. mesenterica superior ist die Bypass-Operation als aortotrunkaler bzw. -mesenterialer Bypass (mittels autologer Vene) das Mittel der ersten Wahl. Evtl. erfolgt eine Neuimplantation des Truncus coeliacus und der A. mesenterica superior in die Aorta. Bei einer Abgangsstenose der A. mesenterica inferior kann eine Patchplastik indiziert sein.

 

Prognose: Abhängig vom Fortschreiten der generalisierten Arteriosklerose.