Patellarsehnenruptur / Quadrizepssehnenruptur

Definition:

→ I: Quadrizepssehnenruptur:

→ 1) Hierbei handelt es sich um eine in-/komplette Ruptur der Sehne des Musculus quadriceps, meist nahe des Ansatzpunktes, am oberen Patellarand, bei degenerativ vorgeschädigter Sehne.

→ 2) Sie ist eine seltene Verletzung des mittleren bis höheren Lebensalters und betrifft Männer häufiger als Frauen.

→ II: Patellarsehnenruptur:

→ 1) Sie stellt eine seltene Verletzung des Kniestreckapparates infolge einer in-/komplette Ruptur des Lig. patellae bei vorgeschädigter Sehne dar.

→ 2) In der Regel sind bei der Patellarsehnenruptur jüngere Patienten, vor dem 40. Lebensjahr betroffen.

→ 3) Der Abriss ist meist im Bereich des Patellapols (vorwiegend Erwachsenen), seltener im Bereich der Tuberositas tibiae (bei Jugendlichen) lokalisiert.

670 Verletzungen am Streckapparat des Knies

 

Ätiologie: Ursachen der Ruptur sind direkte oder indirekte Krafteinwirkungen bei degenerativ veränderter Sehne:

→ I: Spontan, bei plötzlich willkürlicher starker Muskelanspannung des Quadrizeps,

→ II: Bei passiver Hyperreflexion,

→ III: Intraligamentäre Verletzungen bei Knieluxation (selten) oder

→ IV: Direkte Gewalteinwirkung durch Schlag auf die Sehne.

→ V: Prädisponierende Faktoren: Sind vorangegangene Kortison-Injektionen in die nun ruptierte Sehne, rezidivierende Mikrotraumata, aber auch Systemerkrankungen wie die Hyperurikämie, Diabetes mellitus, rheumatoide Arthritis, Niereninsuffizienz und Kollagenosen (z.B. systemischer Lupus erythematodes, Sklerodermie, Polymyositis, etc.).

 

Klinik:

→ I: Plötzlich einsetzende Schmerzen und Schwellung des Kniegelenkes, evtl. ist ein peitschenhiebartiger Knall hörbar.

→ II: Palpable Delle im supra- bzw. infrapatellaren Rupturbereich.

→ III: Aktives Streckdefizit mit Steh- und Gehunsicherheit und Unfähigkeit des Einbeinstandes.

→ IV: Abnorme Verschieblichkeit der Patella nach distal bei der Quadrizepssehnenruptur, nach proximal bei Patellarsehnenruptur.

 

Diagnose:

→ I: Patellarsehnenruptur:

→ 1) Klinische Untersuchung: Bei der Inspektion ist eine Patella alta nachweisbar. Zudem zeigt sich palpatorisch zeigt eine Kontinuitätsunterbrechung unterhalb der Kniescheibe sowie ein Patellahochstand im Seitenvergleich (bei der Tastuntersuchung orientiert man sich am Unterpol der Kniescheibe).

2) Bildgebende Verfahren:

→ A) Sonographie: Direkter Nachweis einer Ruptur (MRT Goldstandard zur Sehnen-Darstellung), evtl. Illustration einer Erguss- oder Hämatombildung.  

→ B) Röntgen: Nachweis eines knöchernen Sehnenausrisses und eines Patellahochstandes.

II: Quadrizepssehnenruptur:

→ 1) Klinische Untersuchung: Tastbare Delle suprapatellar, Nachweis einer eines Patellatiefstandes.

→ 2) Bildgebende Verfahren:

→ A) Sonographie: Zeichen einer Kontinuitätsunterbrechung mit abgrenzbaren Sehnenenden, sowie evtl. Darstellung einer echoarmen Flüssigkeitsansammlung.

→ B) Röntgen: Nachweis eines evtl. knöchernen Quadrizepsausrisses oder einer evtl. Patellafraktur. Zudem zeigt sich radiologisch ein charakteristischer Patellatiefstand.

 

Therapie: Komplette Rupturen des Kniestreckapparates bedürfen immer einer operativen Behandlung, da sich ansonsten eine Dehiszenz der Sehnenenden mit konsekutivem insuffizientem Narbengewebe entwickelt. Eine konservative Therapie ist nur in Einzelfällen bei partieller Ruptur möglich.

I: Konservative Therapie: Die medikamentöse Therapie beinhaltet Analgetika, Antiphlogistika und eine Thromboseprophylaxe. Des Weiteren erfolgt eine passagere Ruhigstellung mittels Gipsverband oder Orthese, sowie eine stufenweises physiotherapeutische Behandlung.

→ II: Operative Therapie:

→ 1) Es erfolgt eine End-zu-End Naht (Durchflechtungsnaht) der Sehnenstümpfe mit einem langsam resorbierbaren Nahtmaterial (PDS).

→ 2) Zusätzlich wird zur Verminderung der Zugkräfte (bzw. bei knöchernen Ausrissen am oberen Patellapol) eine sogenannte Rahmennaht mit einem Cerclagedraht (McLaughlin-Cerclage = 8ter-Schlinge; dient zum Schutz vor mechanischen Belastung) eingebracht.

3) Die Mc-Laughlin-Cerglage wird proximal am unteren Patellapol und distal an der Tuberositas tibiae fixiert.

 

Klinisch-relevant: Bei der Anlage einer solchen Sicherheitscerclage ist die intraoperative Testung zur Sicherstellung der Patellahöhle in Extensions- und Flexionsstellung zur Vermeidung eines postoperativen Patellahochstandes (= Patella alta) bzw. -tiefstandes (= Patella baja) indiziert.

 

III: Postoperative Behandlung:

→ 1) Anlage eines Gipstutors für ca. 6 Wochen, wobei ab dem 2. Tag eine krankengymnastische, frühfunktionelle Behandlung mit Hilfe einer Bewegungsschiene angesetzt wird. Die freigegebene Beweglichkeit in den ersten 4 WOchen beträgt 0-0-60°, dann 0-0-90° für weitere 2 Wochen.

→ 2) Entfernung der Drahtcerclage nach 6 Wochen (bei der Patellarsehnenruptur nach 3-6 Monaten).

→ 3) Langsame Steigerung der Belastung, ab der 7.-12. Woche ist eine Vollbelastung möglich.

 

Prognose: Die Re-Rupturrate ist bei der Patellarsehnenruptur selten, jedoch besteht die Gefahr der Entwicklung eines Beugedefizits durch Verkürzung. Weitere Komplikationen sind Kraftminderung sowie Bewegungseinschränkung. Die Quadrizepssehnenruptur wiederum weist bei frühzeitiger adäquater Therapie eine gute Prognose auf; selten manifestieren sich Bewegungseinschränkung und Kraftverlust.