Thyreostatika / Carbimazol / Thiamazol / Perchlorat

Definition:

→ I: Bei den Thyreostatika handelt es sich um eine Gruppe von Substanzen, die in unterschiedlicher Weise die Synthesemechanismen der Schilddrüsenhormonbildung hemmen.

→ II: Hierbei sind die Thionamide von besonderer Bedeutung (hemmen die Schilddrüsenhormonsynthese).

→ III: Weitere Thyreostatika: Sind u.a.

→ 1) Hemmstoffe der Jodaufnahme wie Perchlorat.

→ 2) Lithiumionen, die die Schilddrüsenhormonfreisetzung blockieren und

→ 3) Amiodaron besitzt auch thyreostatische Effekte indem es die Umwandlung von T4 in T3 verhindert.

→ IV: Klassische Indikationen für die Applikation von Thyreostatika sind:

→ 1) Die Hyperthyreose bei z.B. Morbus Basedow oder Schilddrüsenautonomie. 

→ 2) Die thyreotoxischen Krise.

→ 3)  Überbrückungsintervall bis zum Wirkungseintritt der Radiojodtherapie.

 

Klassifikation: Bei den Thyreostatika unterscheidet man zwischen:

→ I: Thionamide: Hierbei handelt es sich um schwefelhaltige Thyreostatika wie Carbimazol, Thiamazol und Propylthiouracil.

→ II: Perchlorat: Perchlorat hemmt kompetitiv die Jodaufnahme in die Schilddrüse und wird über den Natrium-Jodid-Symporter von den Thyreozyten aufgenommen. Die Wirkung wird durch die Freisetzung des gesamten ungebundenen Jodids aus den Schilddrüsenzellen erreicht. Perchlorat wird oral appliziert; die Wirkung hält jedoch nicht lange an. 

 III: Weitere Thyreostatika: Hierzu zählen u.a.:

→ 1) Hochdosiert Jodid (Kaliumjodid) und

→ 2) Lithiumionen.

073 Wichtige Aspekte der Thyreostatika

 

Wirkmechanismus:

→ I: Schwefelhaltige Thyreostatika:

→ 1) Sie hemmen die SD-Peroxidase (und konsekutiv die Schilddrüsenhormonsynthese), die die Jodisation von Thyrosin(-resten) des Thyreoglobulins katalysieren.

→ 2) Propylthiouracil hemmt zusätzlich noch die periphere Konversion von T4 in das aktive T3 in der Schilddrüse und den peripheren Geweben durch Blockade der 5`-Dejodase.

→ 3) Der Wirkungseintritt erfolgt mit einer Latenz von 6-8 Tagen, da die Sekretion von bereits gebildeten Hormonen unbeeinflusst bleibt.

II: Carbimazol:

→ 1) Carbimazol stellt ein Prodrug dar und wird in seine aktive Form umgewandelt.

2) Die Initialdosis beträgt 40-60mg/d, die Erhaltungsdosis 5-20mg/d.

3) Prophylaktisch ist es, vor diagnostisch-indizierter Gabe eines jodhaltigen Kontrastmittels z.B. bei bestehender SD-Autonomie in einer Dosis von 10-20mg/d (in Kombination mit 1g Perchlorat) über 8-10d zu verabreichen.

 → III:Thiomazol: Initialdosis 20-40mg/d, Erhaltungsdosis 5-10mg/d.

IV: Propylthiouracil:

→ 1) Initialdosis 3 x 75-100mg/d, Erhaltungsdosis 25-250mg/d.

→ 2) In schweren Fällen oder bei bestehendem Jodkontakt kann die Dosis deutlich erhöht werden (4-6 x 300-600mg).

074 Prophyluracil

 

 

→ Indikation: Die Thyreostatika werden insbesondere bei nachfolgenden Erkrankungen eigesetzt; hierzu zählen:

→ I: Hyperthyreose wie beim Morbus Basedow oder der Schilddrüsenautonomie.

→ II: Thyreotoxische Krise.

→ III: Bei Radiojodtherapie zur Überbrückung bis zum Wirkungseintritt.

→ IV: Bei latenter Hyperthyreose prophylaktisch vor Gabe hoher Joddosierungen im Rahmen z.B. einer Röntgenuntersuchung mit jodhaltigem Kontrastmittel.

→ V: Als Kombinationstherapie mit Thyroxin bei Immunthyreopathien zur Erhaltung einer euthyreoten Stoffwechsellage mit konsekutiver Vermeidung einer Struma-Entwicklung.

 

Nebenwirkungen: Sind vor allem:

→ I: Strumigene Wirkung infolge des T3/T4 Wirkungsausfalls mit konsekutiver TSH Erhöhung,

→ II: Allergische Reaktion,

III: Selten verursachen sie eine Knochenmarksdepression bis hin zu lebensbedrohlichen Agranulozytose (zumeist ab dem 8. Tag nach Beginn der Therapie).

→ IV: Weitere Nebenwirkungen: Polyneuropathie, GIT-Beschwerden mit Übelkeit und Erbrechen, Geschmacksverlust, Cholestase und eine z.T schwere Hepatotoxizität insbesondere bei höheren Dosen; zudem werden ANCA-positive Vaskulitiden beobachtet.

 

Kontraindikationen: Sind u.a. schwere Leberschädigungen und Allergien. Vorsicht in der SS und Stillzeit, da gerade die Thionamide plazentagängig sind. Sie sollten möglich niedrig dosiert bzw. evtl. auf Propylthiouracil umgestiegen werden.

 

Wirkmechanismus:

→ II: Perchlorat:

→ 1) Es hemmt die Jodidaufnahme in die Thyreozyten und somit die Hormonsynthese in der SD.

→ 2) Besonders gut geeignet zur Applikation bei notwendiger Gabe jodhaltiger Kontrastmittel zur Diagnosestellung einer SD-Autonomie, da es rasch zur Schilddrüsenblockade (= Blockade der Jodaufnahme) führt.

3) Gilt als Substanz der 2. Wahl bei der Behandlung der Hyperthyreose.

II: Dosierung: In den ersten 1-2 Wochen liegt die Dosis bei 800-1000mg/d (= 3x 20 Trp.); die Erhaltungsdosis  bei 400mg/d (= 3x 7Trp.).

→ III: Nebenwirkungen: Sind

1) Häufig GIT-Beschwerden sowie Gastritis,

2) Allergische Reaktionen: Mit Gelenk- und Muskelschmerzen, Exanthem und evtl. Fieber.

3) Selten Thrombozytopenie, Leukozytopenie, Agranulozytose sowie die aplastische Anämie.

→ 4) Weitere Nebenwirkungen sind die Lymphadenopathie und das nephrotische Syndrom.

 

Klinisch-relevant: Bei den Thyreostatika sollten regelmäßige Blutbildkontrollen erfolgen, um eine mögliche Agranulozytose frühzeitig zu entdecken.

 

Weitere Thyreostatika:

→ I: Jodid:

→ 1) In hohen Dosen wirkt Jodid durch Hemmung der Hormonfreisetzung aus dem Thyreoglobulin thyreostatisch; dies wird als Plummerung bezeichnet.

→ 2) Zusätzlich verhindert es kurzfristig die Aufnahme von Jodid in die Zelle.

→ 3) Indiziert ist die hochdosierte Gabe bei z.B. thyreotoxischer Krise (nicht-jodinduziert).

II: Lithiumionen: Sie wirken auch thyreostatisch durch Hemmung der Proteolyse des Thyreoglobulin. Folglich wird die Hormonfreisetzung unterbunden.