Bronchiektasen / Bronchiektasie

 

Definition: Bronchiektasen stellen irreversible zylindrische oder sackförmige Erweiterungen der mittleren bis distalen Bronchien dar, die angeboren oder häufiger erworben sein können.

 

→ Epidemiologie:

→ I: Die Inzidenz der Entwicklung einer Bronchiektasie liegt bei 60/100000 Einwohner.

→ II: Aufgrund der Impfungen und der gezielten Antibiotikatherapie ist diese chronische Atemwegserkrankung nur noch selten nachweisbar; es besteht eine deutlich rückläufige Tendenz.

 

Ätiologie: Nach ihrer Entstehung unterscheidet man zwischen:

→ I: Angeborenen Bronchiektasen: Sind mit 25% die seltener Form. Mögliche Ursachen:

→ 1) Anatomische Anomalien wie die Tracheobronchomalazie,

→ 2) Funktionell bei Mukoviszidose und

→ 3) Immunologisch beim IgA-Mangelsyndrom oder Alpha-Antitrypsin-Mangel sowie

→ 4) Bei der primär ciliären Dyskinesie.

→ II: Erworbene Bronchiektasen: Sie entstehen aufgrund einer entzündlichen Zerstörung der Wandstrukturen ( -> elastisches Bindegewebe und Muskulatur) mit konsekutiver Narbenbildung bei:

→ 1) Rezidivierende bronchopulmonalen Infekten,

→ 2) Lungentuberkulose

→ 3) COPD,

→ 4) Bronchusstenose unterschiedlicher Genese und

→ 5) Bronchopulmonale Aspergillose.

→ III: Sonderformen: Sind z.B:

1) Das Kartagner-Syndrom: Mit einem charakteristischen Symptomtrias bestehend aus:

→ A) Situs inversus,

→ B) Pansinusitis und

→ C) Bronchiektasen.

→ 2) Young-Syndrom: Autosomal-rezessiv vererbte Erkrankung mit sino-pulmonalen Infekten, Bronchiektasen und einer obstruktiven Azoospermie.

 

073 Ursachen von Bronchiektasien

 

 

→ Pathogenese: Bei der Entstehung der Bronchietasen steht die Störung der mukoziliären Clearance im Vordergrund. Folge ist eine gestörte Bronchialreinigung mit Sekretstau und konsekutiven pulmonalen Infekten aufgrund einer bakteriellen Besiedlung. Dies wiederum führt im Sinne einer chronischen Entzündung zur Destruktion der Schleimhaut mit anschließender Dilatation der Bronchialwände. Die erweiterten Bronchien erschweren zusätzlich das Ableiten des Bronchialsekretes, was wiederum die Aubildung von Infekten begünstigt.

 

→ Pathologie: Nach morphologischen Aspekten unterscheidet man bei den Bronchiektasen zwischen:

→ I: Sackförmige Bronchiektasen: Sie bestehen aus unregelmäßige geweiteten, dicht nebeneinander liegende Bronchiallichtungen.

→ II: Zylindrische Bronchiektasen: Hierbei reicht die Bronchiallichtung ohne Verjüngung bis unter die Pleura. Durch narbige Einziehungen manifestiert sich ein variköses Aussehen.

 

Lokalisation:

→ I: Die Bronchiektasen treten in 50% der Fälle beidseitig auf können aber auch einseitig, lokalisiert oder diffus auftreten.

→ II: Hauptlokalisationen sind die Lungenunterlappen.

 

Klinik: Klassische Symptome sind:

→ I: Chronisch produktiver Husten mit reichlich Auswurf (= maulvolle Expektorationen), häufig morgens oder nach Lagewechsel.

→ II: Süßlich-übel-riechendes Sputum mit charakteristischer Dreischichtigkeit ( Schaum-Schleim-Eiter). 

→ III: Gerade im Erwachsenenalter zeigen sich Hämoptysen und Blutbeimengungen im Sputum.

→ IV: Endstadium: Hierbei  entwickelt sich eine Symptomatik bestehend aus Zyanose, Einsatz der Hilfmuskulatur, Trommelschlegelfinger und Uhrglasnägel.

V: Bei akuter Exazerbation: Manifestieren sich Symptome wie Müdigkeit, Abgeschlagenheit, vermehrter Husten mit Auswurf, Fieber, Dyspnoe, verstärktes Giemen sowie mittel- bis grobblasige feuchte RG´s. 

 

Komplikationen:

→ I: Rezidivierende Infekte, oftmals verursacht durch Pneumokokken- und Influenzainfektionen,

→ II: Bronchopulmonaler Aspergillusbefall,

→ III: Atelektasen

→ IV: Lungenabszess,

→ V: Septische Embolien,

→ VI: Lungenblutungen,

→ VII: Obstruktive Ventilationsstörungen mit konsekutiver respiratorischer Insuffizienz,

→ VIII: Cor pulmonale.

 

Diagnose:

→ I: Anamnese/klinische Untersuchung: Abklärung rezidivierender Infekte in der Eigenanamnese, auskultatorisch zeigen sich feuchte RG´s meist basal, inspektorisch evtl. Nachweis von Trommelschlegelfingern und Uhrglasnägeln oder einer zentralen Zyanose (→ sie zeichnet sich durch Blaufärbung der Körperperipherie und der zentralen Schleimhäute wie Zunge, Lippen usw. aus).

II: Labor:

→ 1) Blutgasanalyse: Nachweis einer respiratorischer Partialinsuffizienz mit Hypoxämie (= pathologisch verminderter pO2-Wert, bei normalem pCO2).

2) Bakteriologische Untersuchung des Sputums.  

 

→ Klinisch-relevant: Zudem ist der Ausschluss einer:

→ A) Mukoviszidose,

→ B) Primären Ziliendyskinesie ( mit Hilfe einer Nasenschleimhautprobe) und

→ C) Eines Immundefektes durch Bestimmung der Immunglobuline und Lymphozytenpopulation obligat.

 

III: Bildgebende Verfahren:

→ 1) Röntgen: Thorax in 2 Ebenen.

→ A) Bei Sekretstau lokal betonte und vermehrte Lungenstrukturzeichnung,

→ B) Evtl. zystische Transparenzerhöhung mit evtl. Flüssigkeitsspiegeln,

→ C) Schienenzeichen: = Tramlines als parallel verlaufende verdickte Bronchuswände.

→ D) Spätstadium: Darstellung einer Wabenlunge mit grob-retikulärer Netzzeichnung, infolge einer Verschmelzung der Azini und Alveolen zu Blasen und gleichzeitiger Fibrosierung des pulmonalen Interstitiums.

→ 2) HR-CT: Ist das Untersuchungsverfahren der 1. Wahl zur Diagnosebestätigung der Bronchiektasen. Hier besteht eine direkte Darstellung der betroffenen Bronchien mit:

→ A) Schienenphänomen: Im Längsschnitt Nachweis von parallel angeordnete Strukturen, die die verdickten Bonchialwände darstellen.

→ B) Siegelringphänomen: Charakteristische Ringstruktur mit kleineren direkt anliegenden Pulmonalarterien.

sowie des pulmonalen Parenchyms.

→ 3) Bronchoskopie: Zur Abklärung einer Bronchusstenose, evtl. kombiniert mit einer bronchopulmonalen Lavage zur Gewinnung von Material für die Erregerdiagnostik.

 

Therapie:Im Vordergrund der Therapie steht die Sekretelimination sowie die Infektvorsorge bzw. -behandlung um das Fortschreiten der chronisch-pulmonalen Erkrankung zu verhindern:

→ I: Allgemeinmaßnahmen:

→ 1) Morgendliche Bronchialtoilette mit Auswurf in Knie-Ellenbogenlagerung,

→ 2) Externe Klopf- und Vibrationsmassage,

→ 3) Ausreichende Flüssigkeitszufuhr,

→ 4) Inhalation von Kochsalz.

→ II: Medikamentös:

1) Applikation von Bronchospasmolytika.

→ 2) Eine aktive Immunisierung gegen Pneumokokken und Influenza ist obligat.

→ 3) Gezielte antibiotische Therapie nach Antibiogramm. Als Initialtherapie empfiehlt sich eine Antibiotikatherapie mit Fluorchinolonen über einen Zeitraum von 3 Wochen. Bei bekanntem Pseudonomasbefall ist die Kombinationstherapie mit z.B. Piperacillin und Tobramycin oder Ceftazidim und Tobramycin indiziert. In schweren Fällen kann zur Reduktion der Exazerbation eine prophylaktische Antibiose-Behandlung (i.v.) erfolgen.

 

Klinisch-relevant: Bei initialem Fehlen des Antibiogramms erfolgt eine Breitbandantibiotikatherapie, die P. aeruginosa (gram-negatives Stäbchenbakterium) mit erfasst. Hierfür bieten sich Antibiotika wie Piperacillin/Tazobactam, Cefepim, Imipenem evtl. mit einem Makrolid kombiniert, aber auch Fluorchinolone wie Levofloxacin oder Ciprofloxacin an.

 

 

→ III: Chirurgisch: Eine operative Intervention ist indiziert z.B. bei Verschlechterung der Symptomatik trotz adäquater Therapie, schweren Lungenblutungen, Bestehen eines Aspergilloms oder lokal begrenzten Bronchiektasen. Es erfolgt eine Segmentresektion oder Lobektomie.

 

Prognose: 

→ I: Sie ist gerade von der Grunderkrankung und den adäquaten Therapieoptionen abhängig.

→ II: Insbesondere durch die gute Bronchialtoilette und die adäquate Antibiotikatherapie ist zumeist die Lebenserwartung zumeist nicht mehr eingeschränkt.