Restless-legs-Syndrom

Definition: Beim Restless-legs-Syndrom handelt es sich um Par- bzw. Dysästhesien sowie starken Bewegungsdrang und unwillkürliche Bewegungen der Beine, die ausschließlich in Ruhe zumeist abends oder während der Nacht auftreten.

 

Epidemiologie:

→ I: Die Erkrankung stellt mit einer Prävalenz von 3-10% in der Allgemeinbevölkerung eine häufige neurologische Störung dar (ca. 2,5% der erwachsenen Patienten weisen sogar eine ausgeprägte Beeinträchtigung der Lebensqualität auf).

→ II: Die Häufigkeit des Restless-legs-Syndroms nimmt mit dem Alter zu, wobei insbesondere Frauen jenseits des 40. Lebensjahrs betroffen sind (kann aber auch in seltenen Fälle im Vorschulalter insbesondere bei hyperaktiven Kinder auftreten).

 

Ätiologie: Die genaue Ätiopathogenese ist bis heute nicht genau bekannt, vielmehr geht man von einer komplex-genetischen Erkrankung aus, bei der Umwelt- sowie metabolische Faktoren eine wichtige Rolle spielen.

 

Klassifikation: Das Restless-legs-Syndrom (RLS) kann unterteilt werden in:

→ I: Primäres RLS: (= idiopathisches RLS)

→ 1) Beim idiopathischen RLS handelt es sich um die häufigste Form (genetische Disposition, positive Familienanamnese wird in 40-80% angegeben) und weist häufig ein jüngeres Erkrankungsalter auf.

→ 2) Es wurden 6 Genloci (MEIS1, BTBD9, SKOR1/MAP2K5 und PTPRD) auf verschiedenen Chromosomen identifiziert.

→ 3) Des Weiteren existieren Hinweise für eine Dysfunktion des zentralnervösen dopaminergen - und opioiden Systems (wahrscheinlich im Bereich des Thalamus, Nucleus ruber, Kleinhirn, retikuläre Strukturen des Hirnstamms) sowie eine Störung des Eisenstoffwechsels (Eisenmangel).

II: Sekundäres RLS: Dieses symptomatische Restless-Legs-Syndroms findet man häufig bei Niereninsuffizienz (15-20% der Dialysepflichtigen Patienten), Gravidität (11% der Schwangeren), Fibromyalgie, MS, Hyper- und Hypothyreose, Vitamin-B12- und Folsäure-Mangel sowie Eisenmangel.

III: Medikamenteninduziert: Insbesondere bei:

1) Antipsychotika wie Olanzapin,

→ 2) Antidepressiva wie Escitalopram, Mianserin und Mirtazapin.

→ 3) Weitere Medikamente: Antihistaminika, Kalziumantagonisten, L-Thyroxin, Topiramat, etc.

 

Klinik: Leitsymptome des Restless-legs-Syndroms sind ausgeprägter Bewegungsdrang der Beine mit häufig wiederholten Bewegungen gepaart mit sehr unangenehmen Par- bzw. Dysästhesien bis hin zu Schmerzen, die insbesondere in Ruhe oder nachts

auftreten.

→ I: Beginn sowie Zunahme des Bewegungsdrangs in Ruhe und bei Inaktivität sowie zirkadiane Rhythmik mit deutlicher Betonung abends und nachts.

→ II: Besserung der Beschwerden durch Bewegung (z.B. Laufen).

→ III: Weitere Symptome: Sind u.a.:

1) Schlafstörungen insbesondere die Insomnie mit Ein- und Durchschlafstörungen.

→ 2) Daraus resultierende Tagesmüdigkeit bis hin zur Erschöpfung.

3) Periodische Beinbewegungen: (= periodic-leg-movements in sleep) treten bei bis zu 85% der Patienten mit Restless-legs-Syndrom auf.

→ 4) Polyneuropathie.

 

Klinisch-relevant:

→ A) Der Krankheitsverlauf des Restless-legs-Syndrom ist uneinheitlich; während er bei jüngeren Patienten zumeist einschleichend ist, weist er bei älteren Patienten (jenseits des 50. Lebensjahrs) überwiegend eine Progredienz auf (die Erkrankung kann insbesondere bei milderen Verläufen spontan remittieren).

→ B) Das Restless-legs-Syndrom hat eine erhöhte Komorbidität zu psychischen Störungen wie Angsterkrankungen und die Depression.

083 Besonderheiten der Depression beim Restless Legs Syndrom

 

Diagnose: Die Diagnose des Restless-legs-Syndrom erfolgt zumeist klinisch unter Berücksichtigung der Begleitsymptome.

→ I: Anamnese:

→ 1) Eruierung der klinischen Symptomatik mit ein- oder beidseitigen Beschwerden in Ruhe oder vor dem Zubettgehen.

→ 2) Positive Familienanamnese,

→ 3) Medikamentenanamnese v.a. auch von NeuroleptikaAntidepressiva, H2-Blocker, etc.

→ II: Klinische Untersuchung:

→ 1) In der neurologischen Untersuchung ergibt sich insbesondere beim idiopathischen Restless-legs-Syndrom keine pathologischen Befunde im EMG und NLG.

→ 2) Labor: Laborchemische Daten dienen u.a. dem möglichen Ausschluß eines sekundären RL-Syndroms; hierzu gehören u.a. die Bestimmung der Nieren-, Leber- und Schilddrüsenfunktion sowie Bestimmung von Vitamin B12, Folsäure, Eisen, Ferritin sowie der Elektrolyte.

→ 3) Schlaflabor: Mit Hilfe der polysomnographischen Untersuchung können die Ausprägung der Schlafstörung sowie weitere schlafbezogene Erkrankungen festgestellt werden. Hierbei zeigen sich: 

708 Polysomnographische Veränderungen beim Restless Legs Syndrom 

→ 4) L-Dopa-Test: L-Dopa kann aufgrund des guten Ansprechens kurzfristig durch abendlichen Einsatz zur Diagnosefindung beitragen.

 

Differenzialdiagnose: Vom Restless-Legs-Syndrom müssen insbesondere nachfolgende Erkrankungen abgegrenzt werden:

→ I: Urämische Polyneurpathie häufig mit sensiblen Dysästhesien aber ohne Bewegungsdrang assoziiert.

→ II: Akathasie: Die zumeist pharmakogen durch z.B. klassische Neuroleptika induziert Akathasie weist zumeist keine Missempfindungen sowie zirkadiane Rhythmik auf.

→ III: Das periodic-limb-movement kann auch bei weiteren Erkrankungen wie metabolische Störungen, Nebenwirkungen der trizyklischen Antidepressiva oder aber auch beim Entzug von psychotropen Substanzen auftreten.

→ IV: Vaskuläre Störungen: Wie venöse Insuffizienz (z.B. Varikosis, etc.) und arterielle Verschlusskrankheit.

→ V: „Burning feet“ bei peripherer Polyneuropathie.

 

Therapie: Bei der sekundären Form des Restless-legs-Syndrom steht die Behandlung der Grunderkrankung im Vordergrund. Die symptomatische Therapie setzt erfolgreich am dopaminergen, opioiden oder GABAergen-System an.

→ I: L-Dopa: In Kombination mit Benserazid ist bereits in niedriger Dosierung sehr wirkungsvoll, führt jedoch frühzeitig zur Augmentation, sodass immer höhere Dosierung bei immer weniger Wirksamkeit benötigt wird.

704 Therapiemepfehlungen des Restless legs Syndrom in besonderen Situationen

 

Klinisch-relevant: Besteht die Augmentation ist eine weitere Aufdosierung mit L-Dopa kontraindiziert; vielmehr ist in dieser Situation der Wechsel auf ein Dopaminagonisten oder ein alternatives Präparat obligat.

709 Wichtige Komplikationen der dopaminergen Therapie (insbesondere unter L Dopa) bei der Behandlung des RLS

 → II: Dopaminantagonisten: Sie stellen eine effektive und gut verträgliche Behandlungsoption dar und umfasst nachfolgende Substanzen:

→ 1) Ropinirol 1-4mg/d,

→ 2) Pramipexol 0,088-0,75mg/d,

3) Rotigotin 1-3mg/d.

Da auch bei diesen Präparaten die Gefahr einer Augmentation besteht, sollten sie einschleichend in sehr niedriger Dosierung und bis zu einer niedrigen Maximaldosis appliziert werden.

→ III: Opiate: Bei den Opioiden handelt es sich in der Behandlung von RLS um Substanzen der zweiten Wahl (u.a. aufgrund der Gefahr der Opiatabhängigkeit). Des Weiteren können Gabapentin, Pregabalin sowie Carbamazepin und Valproat bei einem Teil der Patienten eine Linderung der Symptomatik hervorrufen.

IV: Auch die Schlafhygiene spielt in der Behandlung des RLS eine bedeutende Rolle. So sollten die Patienten vor dem Zubettgehen nicht schwer Essen und auf größere Mengen Kaffee, Tee oder Alkohol verzichten, das Schlafzimmer kühl und ruhig halten, etc.

 

Prognose: Der Krankheitsverlauf der RLS ist zumeist fluktuierend oder progredient; insbesondere bei der idiopathischen Form existiert kaum eine Spontanremission.