Schizoide Persönlichkeitsstörung

Definition:

→ I: Die schizoide Persönlichkeitsstörung ist durch eine mangelnde Fähigkeit, Emotionen wahrzunehmen bzw. auszudrücken (Anhedonie, flache Affektivität) charakterisiert. Ein weiteres klassisches Symptom stellt die soziale Kontaktschwäche dar, die durch kühles, distanziertes und schroffes Verhalten gekennzeichnet ist. 

→ II: Die schizoide PS gehört neben der paranoiden - und schizotypen PS zum Cluster A, die sich durch sonderbares und exzentrisches Verhalten auszeichnen.

→ Epidemiologie:

→ I: Die schizoide Persönlichkeitsstörung manifestiert sich nur sehr selten; die Prävalenz für die Entwicklung dieser Störung liegt in der Allgemeinbevölkerung < 1% (0,5-1%); eine genaue Datenlage existier jedoch nicht. Insbesondere bei Verwandten von Menschen mit Schizophrenie wird eine hohe Prävalenz angenommen.

→ II: Dieser Form der Persönlichkeitsstörung scheint bei Männern häufiger als bei Frauen diagnostiziert zu werden.

 

Ätiologie: Der Pathomechanismus dieser Form der PS ist bis heute noch nicht genau geklärt. Allen gemeinsam ist jedoch eine Störungen in der Affektreaktion. Angenommen wird, dass das Negieren durch primäre Bezugspersonen bezüglich des Versuches des Säuglings Kontakt aufzunehmen, Neues kennenzulernen, positive und negative Gefühle zu äußern, beim Säugling zu einer Reduktion der Kommunikation auf ein Minimum führt. Diese Verhaltensweise setzt sich in der weiteren Entwicklungsgeschichte fort.

 

Klinik: Kernsymptom ist die Neigung zum Rückzug von sozialen und emotional getönten Kontakten auf eine autistisch geprägte Phantasiewelt.

→ I: Störungen im affektiven Bereich mit ausgeprägter Einschränkung im Gefühlsausdruck mit Anhedonie, aber auch fehlender Expression von Ärger und Wut.

II: Scheue, Distanziertheit, In-sich-Gekehrtheit und Misstrauen sind charakteristisch; die Betroffenen sind in der Regel Einzelgänger.

III: Mangel an zwischenmenschlichem Erleben mit Fehlen von vertrauensvollen Beziehungen und konsekutiver sozialer Isolation bzw. Vereinsamung.

→ IV: Zumeist schwache Reaktion bzw. Gleichgültigkeit auf Kritik und Lob.

V: Des Weiteren geringe bzw. fehlende Sensibilität gegenüber sozialen Regeln sowie Mangel an sexuellem Interesse.

 

Komorbiditäten:

→ I: Weitere Persönlichkeitsstörungen wie z.B. die anankastische - oder paranoide PS.

II: Depressive Episode

III: Angststörungen und

IV: Somatoforme Störungen.

 

Diagnose: Es müssen mindestens 4, der folgenden Kriterien zutreffen.

I: Unvermögen, Freude zu empfinden (= Anhedonie).

II: Unfähigkeit, warme sowie zärtliche Gefühle bzw. Wut gegenüber anderen Menschen zuzulassen.

III: Distanzierte Verhaltensweise und In-Sich-Gekehrtheit.

IV: Unfähigkeit, Freundschaften aufzubauen.

V: Desinteresse an sexuellen Aktivitäten.

VI: Schwache Reaktion auf Lob oder Kritik.

VII: Mangelndes Gespür für gesellschaftliche Normen und Konventionen. 

512 Diagnosekriterien der schizoiden Persönlichkeitsstörung nach ICD 10

 

Differenzialdiagnose: Von der schizoiden Persönlichkeitsstörung sind vor allem nachfolgende psychische Störungen abzugrenzen:

→ I: Schizotype-, paranoide -, aber auch die Borderline-PS sowie die anankastische Persönlichkeitsstörung

→ II: Schizophrenie insbesondere die Schizophrenie simplex sowie das schizophrene Residual-Syndrom.

III: Autismus, speziell das Asperger-Syndrom und

IV: Chronische Drogenabhängigkeit wie z.B. die Kokainabhängigkeit.

218 Differenzialdiagnose der PS anhand klinischer Symptome

 

Therapie: Schwierig eine tragfähige therapeutische Beziehung aufbauen, da die Patienten u.a. keine Eigenmotivation aufzeigen und meist nur infolge aktueller Lebenskrisen den ärztlichen Kontakt suchen. Wichtige Therapiekonzepte hierbei sind: 

 I: Psychotherapeutische Methoden: 

→ 1) Supportive Psychotherapie, in Einzelfällen ist evtl. eine psychoanalytische Therapie möglich.

→ 2) Training sozialer Kompetenz,

→ 3) Interventionen, die die Wahrnehmung des Körpergefühls der Sensorik und Emotionen verbessern etc.

→ 4) Weitere Maßnahmen: Sind u.a. Ergotherapie und die Teilnahme an Gruppenaktivitäten.

  II: Medikamentöse Therapie: 

 1) Eine medikamentöse Therapie mit einem atypischen Neuroleptikum wie Aripiprazol, Amisulprid, Quetiapin oder Olanzapin in niedriger Dosierung kann versucht werden.

 2) Behandlung komorbider Symptome wie Depression oder Ängststörungen:

 A) Antidepressiva: Mittel der Wahl zur Behandlung depressiver Episoden sind die SSRI wie Citalopram (20-40mg/d) oder Sertralin (50-150mg/d).

→ B) Anxiolytika: Wie Lorazepam (1-4mg/d in 2-4 Einzeldosen), alternativ kann die Gabe eines niederpotenten Neuroleptikums wie Chlorprotixen (25-100mg/d) aufgrund des geringeren Abhängigkeitsrisikos erfolgen.