Angst- und Panikstörungen allgemein / Definition, Epidemiologie, Ätiologie

Definition:

→ I: Bei den Angst- und Panikstörungen handelt es sich um eine heterogene Gruppe von Erkrankungen, die durch eine ausgeprägte Angstreaktion bei gleichzeitigem Fehlen von akuten Bedrohungen gekennzeichnet sind.

→ II: Folgen sind physische und psychische Symptome sowie eine massive soziale und berufliche Einschränkung.

 

Klinisch-relevant: 

→ A) Charakteristischerweise sind die Angstsymptome keiner realen Gefahr zuzuschreiben; vielmehr manifestieren sie sich ungerichtet, unbestimmt und ohne situativen Auslöser.

→ B) Die pathologische Angst unterscheidet sich von der physiologischen Angst durch:

1) Das plötzliche, grundlose Auftreten (ohne Verhältnismäßigkeit zum auslösenden Ereignis),

→ 2) Die Intensität und

→ 3) Den zeitlichen Verlauf.

 

Epidemiologie:

→ I: Die Angst- und Panikstörungen gehören neben den unipolaren affektiven Störungen (insbesondere der Depression) und der Substanzabhängigkeit zu den häufigsten psychischen Störungen. Die Lebensprävalenz, an einer Angststörung zu erkranken, liegt bei 15-20% (Punktprävalenz bei 7%), wobei Frauen doppelt so häufig wie Männer betroffen sind.

→ II: Unter den Angststörungen tritt die isolierte Phobie am häufigsten auf; sie hat im klinischen Alltag jedoch fast keine Bedeutung. Die Lebensprävalenz für Panikstörungen liegt bei 4% und für soziale Phobien bei 3%.

 

Ätiopathogenese: Bei der Angst- und Panikstörung handelt es sich um eine multifaktorielle Genese, bei der insbesondere genetische, neurobiologische und psychosoziale Faktoren eine wichtige Rolle spielen.

I: Genetische Faktoren: Eine genetische Disposition wird diskutiert; So weisen eineiige Zwillinge im Vergleich zu zweieiigen - eine 2-3-fach erhöhte Konkordanzrate für die Entwicklung von Panikstörungen auf. Auch Verwandte 1. Grades von Patienten mit einer Panikstörung haben ebenfalls ein 2-3 fach erhöhtes Risiko.

→ II: Neurobiologische Faktoren:

1) Eine zentrale Bedeutung für die Entwicklung von Angst- und Panikstörungen ist die Dysfunktionalität des Angstnetzwerkes (sertotonerge und noradrenerge Kerngebiete). Hierbei stehen insbesondere das limbische System mit Amygdala und Hippocampus, der Locus coeruleus (= Ursprungsort noradrenerger Neurone), die Raphekerne (= Ursprungsort serotonerger Neurone) sowie die präfrontale Kortex eine wichtige Rolle. Neuere Studien postulieren, dass die Angsterkrankung möglicherweise eine Folge reduzierter Hemmung der Amygdala durch die präfrontale Kortex ist.

→ 2) Neurobiochemisch: Zudem besteht ein Ungleichgewicht auf der Ebene der Neurotransmitter. Insbesondere das serotonerge, GABA-erge (y-Aminobuttersäure ist der wichtigste inhibitorische Neurotransmitter des ZNS) aber auch das noradrenerge-System sind betroffen.

 

Klinisch-relevant: Diese These wird durch die Wirksamkeit der SSRI in der Behandlung der Angststörungen gestützt.

 

3) Zudem belegen neuere Studien eine weitere Beeinflussung des Organismus durch die Stresshormone wie CRF, ACTH und Cortisol.

→ 4) Somatische Faktoren: Insbesondere Störungen im Bereich der Schilddrüse (z.B. Hyperthyreose) und der Nebenniere können sich ungünstig auf die Entwicklung der Angststörung auswirken.

→ III: Lerntheoretische Faktoren: Hierbei stehen sowohl das Lernen am Modell (z.B. Ängste der Eltern), als auch Konditionierungsprozesse für die Genese der Angst- und Panikstörung im Vordergrund. So hat sich das 2-Faktoren-Modell nach Mowrer etabliert, bei der die Ängste:

→ 1) Durch klassisches Konditionieren erworben und

→ 2) Durch operante Konditionierung aufrechterhalten werden.

642 2 Faktoren Modell der Angststörung nach Mowrer

 

Klinisch-relevant:

→ A) Auch das gleichzeitige Vorhandensein von psychischen und somatischen Sensationen kann zu einer gegenseitigen Verstärkung führen. Die Beziehung kann mit Hilfe des Angstkreises erklärt werden.

152 Verstärker und Folgen der Angststörung

→ B) Die im Zuge der Angst wahrgenommenen somatischen Sensationen werden im Sinne der kognitiven Fehlattribution als "Gefahr/Bedrohung" fehlinterpretiert und verstärken nochmals das Angstgefühl. Es entsteht ein Circulus vitiosus, der im weiteren Krankheitsverlauf zu einer Phobophobie führt.

141 Angstkreislauf

 

IV: Psychodynamische Faktoren:

→ 1) Die Angst hat in der Psychoanalyse eine zentrale Bedeutung. Grundlage hierfür ist, dass konflikthafte Bestrebungen (intrapersonell) zur Aufrechterhaltung des psychischen Gleichgewichtes durch einen Kompromiss versöhnt werden. Misslingt die Konfliktlösung entsteht eine manifeste Angst.

→ 2) Des Weitere fehlt bei Patienten mit Angststörungen die Entwicklung einer stabilen Ich-Fähigkeit, sodass Konflikte als überfordernd empfunden werden, und die Betroffenen infantile Ängste reaktivieren. Insbesondere wenn Ich-unterstützende-Mechanismen wie z.B. der Verlust einer Bezugsperson oder der sozialen Anerkennung wegfallen, kann eine akute Angst hervorgerufen werden (ist vor allem bei der Entstehung der generalisierten Angst von Bedeutung).

→ 3) Bei der Entwicklung von Phobien (z.B. isolierte Phobien, Agoraphobie etc.) spielen vielmehr die Abwehrmechanismen, Projektion und Verschiebung, zur Lösung von konflikthaltigen Bestrebungen eine wichtige Rolle. So werden intrapsychische Konflikte wie z.B. sexuelle Phantasien auf bestimmte Objekte und Situationen verschoben bzw. projiziert.

 

Klassifikation: Die Angst- und Panikstörungen werden nach ICD-10 unterteilt in: 

643 Klassifikation der Angst  und Panikstörungen nach ICD 10

 

→ Diagnose: Von besonderer Bedeutung ist bei der Diagnostik der Angststörungen die sorgfältige somatische Untersuchung, da körperliche Erkrankungen ausgeprägte Angstzustände hervorrufen können. Zusätzlich ist die Erfassung von psychiatrischen Komorbiditäten für den ganzheitlichen Behandlungsplan obligat. Mögliche und relevante Begleiterkrankungen bei den Angststörungen sind inbesondere:

 → I: Unipolare affektive Störungen vor allem die unipolare depressive Episode sowie die rezidivierenden depressiven Störungen.

→ II: Substanzabhängigkeit, die sich zumeist sekundär im Krankheitsverlauf der Angststörung entwickelt.

→ III: Zwangsstörungen, aber auch die Bulimia nervosa und die Binge-Eating-Störung und nicht zuletzt die

→ IV: Persönlickeitsstörungen, insbesondere die histrionische, ängstlich-vermeidende, anankastische und die Borderline-Persönlichkeitsstörung

645 Somatische Erkrankungen mit einem erhöhten Risiko für akute Angstsyndrome

 

→ Differenzialdiagnose: Von den Angststörungen müssen eine Fülle von exogenen Faktoren, somatischen Erkrankungen und psychischen Störungen abgegrenzt werden; hierzu zählen u.a.:  

→ I: Psychotrope Substanzen: Atypische Rauschzustände nach Konsum von Cannabis, Kokain, Amphetamin, Entzugsymptomatik durch AlkoholBenzodiazepine und Opiate, Horrortrips nach Konsum von LSD und weiteren Halluzinogenen.

→ II: Arzneimittel: Wie Schilddrüsenpräparate (z.B. L-Thyroxin), Bronchospasmolytika, Theophyllin, ß-Sympathomimetika, Dopaminergika, Kalziumantagonisten, SSRI zu Therapiebeginn, Betablocker insbesondere bei abrupten Absetzten.

→ III: Organische Erkrankungen: Insbesondere Myokardinfarkt, Angina pectoris, Lungenembolie, Pneumothorax, Morbus Cushing, Phäochromozytom, Karzinoid-Syndrom etc.

→ IV: Schizophrenie, schizoaffektive Störungen und akut vorübergehende psychotische Störungen.

 V: Unipolare affektive Störungen vor allem die unipolare depressive Episode sowie die rezidivierenden depressiven Störungen, aber auch das chronische Erschöpfungssyndrom.