Somatisierungsstörung

Definition: Die Somatisierungsstörungen gehören zu der Gruppe der somatoformen Störungen und sind durch ein über Jahre bestehendes polysymptomatisches Krankheitsbild aus vielfältigen, häufig wechselnden physischen Beschwerden ohne ein adäquates organisches Korrelat charakterisiert. Die klinische Symptomatik kann jedes Körperteil bzw. -system betreffen und führt überwiegend zu einer Beeinträchtigung familiärer und sozialer Funktionen.

 

Epidemiologie:

→ I: Die Somatisierungsstörung manifestiert sich zumeist in der Spätadoleszenz und im jungen Erwachsenenalter, wobei überwiegend das weibliche Geschlecht (M : F = 1 : 10) betroffen ist.

→ II: Der Krankheitsverlauf ist oft chronisch mit fluktuierender Intensität.

 

Ätiologie: Bei der Genese der Somatisierungsstörung handelt es sich um ein multifaktorielles Geschehen, bei der insbesondere genetische und umweltbedingte Faktoren eine wichtige Rolle spielen.

 

Klinik: Bezüglich der klinischen Symptomatik manifestieren sich insbesondere gastrointestinale, kardio-pulmonale, neurologische, aber auch gynäkologische Beschwerden, jedoch kann aber auch jedes andere Organsystem betroffen sein. Charakteristischerweise persistiert das Beschwerdebild über Jahre und führt nicht selten zu einer massiven Beeinträchtigung der familiären, beruflichen und sozialen Interaktionen.

I: Gastrointestinal: Unverträglichkeit von Speisen, Völlegefühl, Übelkeit, Erbrechen, Meteorismus und Diarrhoe.

→ II: Urogenital: Menstruelle und sexuelle Störungen (z.B. Erektions- und Ejaku- lationsstörungen, etc.), Dysurie, unangenehme Empfindungen im Genitalbereich.

→ III: Neurologisch:

→ 1) Schmerzsymptome wie Kopfschmerzen, Rückenschmerzen, Gelenkschmerzen, Schmerzen in der Brust, Schmerzen während der Menstruation, beim Wasserlassen, etc.

→ 2) Pseudoneurologische Symptome wie Kloßgefühl im Hals, Schluckschwierigkeiten, Aphonie, Verlust der Berührungs- und Schmerzempfindung, Doppelbilder, Blindheit, Taubheit, Koordinations- und Gleichgewichtsstörungen, lokalisierte Muskelschwäche, Lähmungen sowie Krampfanfälle, etc.

 

Klinisch-relevant:

→ A) Die Patienten klagen über eine häufig wechselnde Beschwerdesymptomatik, die noch kein Arzt adäquat zugeordnet hätte. Häufige Konsequenz ist ein hochfrequentierter Arztwechsel (= „doctor-shopping").

→ B) Des Weiteren manifestiert sich bei dieser Störung eine hartnäckige Verweigerung des Patienten nicht-organische Ursachen im ärztlichen Aufklärungsgespräch anzunehmen.

→ C) Nicht selten ist bei diesen Patienten eine hohe Krankenhausbehandlungsrate, wiederholte Operationen sowie eine erhöhte Medikamentenzufuhr eruierbar.

 

Komorbidität: Die Somatisierungsstörung ist mit nachfolgenden psychischen Störungen assoziiert:

I: Persönlichkeitsstörungen (in bis zu 70% der Fälle), insbesondere die histrionische – und Borderline-Persönlichkeitsstörung.

→ II: Medikamentenmissbrauch und -abhängigkeit.

→ III: Unipolare Depression,

→ IV: Angststörungen, etc.

 

Diagnose: Charakteristikum ist ein polysymptomatisches Krankheitsbild mit vielfältigen und oft wechselnden somatischen Beschwerden. Im Mittelpunkt der Diagnosestellung stehen insbesondere:

→ I: Anamese: Mit Erfassung:

→ 1) Aktueller klinischer Symptome, Verlauf der Krankheitssymptomatik sowie der bisherigen Therapie.

→ 2) Psychosozialer Umstände, Belastungsfaktoren, Auslösesituation, störungserhaltender Faktoren.

→ 3) Darstellung des biographischen Werdegangs sowie möglicher sozialmedizinischer Folgen.

→ II: Körperlich-neurologische Untersuchung, Labor sowie apparative Diagnostik mit EKG, EEG und bildgebenden Verfahren.

III: Screeningverfahren: Der Somatisierungsstörung nach Othmer und De Susa; es umfasst:

→ 1) Kurzatmigkeit außer unter Belastung,

→ 2) Erbrechen außer während der Schwangerschaft.

→ 3) Schluckbeschwerden.

→ 4) Psychosexuelle Symptome über einen Großteil des Lebens, mit Beginn der sexuellen Aktivität Gefühl des Brennens in Geschlechtsorganen.

→ 5) Subjektiv empfundene schmerzhafte Menstruation.

→ 6) Schmerzen in den Extremitäten.

→ 7) Amnesie als Konversions- oder pseudoneurologische Symptome.

→ 8) Beurteilung: Sind 3 der o. g. klinischen Symptome eruierbar, bestehen ausreichende Anhaltspunkte für das Vorliegen einer Somatisierungsstörung.

619 Diagnosekriterien der Somatisierungsstörung nach ICD 10

 

Differenzialdiagnose: Von der Somatisierungsstörung müssen insbesondere nachfolgende psychische und somatische Störungen abgegrenzt werden:

→ I: Somatische Differenzialdiagnosen: Hierzu zählen u.a. Multiple Sklerose, Myasthenia gravis, systemischer Lupus erythematodes, akute intermittierende Porphyrie, Schilddrüsenerkrankungen, Hyperparathyreoidismus, neurogene Tumorerkrankungen, etc.

II: Psychiatrische Störungen:

→ 1) Weitere Erkrankungen aus der Gruppe der somatoformen Störungen wie z.B. somatoforme autonome Funktionsstörungen, anhaltende somatoforme Schmerzstörungen sowie die hypochondrische Störung.

620 Diagnostisches Vorgehen bei den somatoformen Störungen

→ 2) Angst-/Panikstörung: Die körperliche Symptomatik tritt paoxysmal auf.

→ 3) Somatische Symptome im Krankheitsverlauf einer schizophrenen Psychose erfüllen zumeist die Wahnkriterien

→ 4) Affektive Störungen: Die körperlichen Symptome korrelieren mit der Grundstimmung des betroffenen.

→ 5) Bei den dissoziativen Störungen manifestierten sich ausgestanzte pseudoneurologische Symptome wie Bewusstseinsstörungen, Krampfanfälle, Bewegungsstörungen, Amnesie, die nicht somatischer Genese sind.

→ 6) Weitere psychische Störungen wie z.B. Simulation, posttraumatische Belastungsstörung, artifizielle Störungen, etc.

 

Therapie: Therapeutische Ziele sind u.a. die Verbesserung der klinischen Symptomatik, der Abbau psychosozialer Stressoren sowie die Verringerung der Beeinträchtigung im persönlichen und sozialen

Bereich. Hierfür existiert keine allgemeingültige Therapie, vielmehr muss sie den individuellen Bedingungen angepasst werden und umfasst u.a.:

→ I: Psychoedukation: Mit umfangreicher Aufklärung über die Erkrankung und ihrer Therapiemöglichkeiten.

→ II: Kognitive Verhaltenstherapie: (= Verhaltenstherapie) Verhaltenstherapeutische Methoden stehen bei der Behandlung der Somatisierungsstörung im Vordergrund. Wichtig hierbei ist das Herstellen einer vertrauensvollen Arzt-Patienten-Beziehung (= feste Bezugsperson über einen längeren Zeitraum). Gemeinsamkeiten der verschiedenen Interventionen sind insbesondere:

→ 1) Bearbeitung der Zusammenhänge zwischen psychischen und physischen Symptomen mit Hilfe von Symptomtagebüchern, Verhaltensexperimenten und/oder Biofeedbackmethoden.

→ 2) Identifizierung dysfunktionaler Kognitionen sowie Sensibilisierung gegenüber den kognitiven Effekten von Aufmerksamkeit und Körperwahrnehmung.

→ 3) Umstruktuierungstechiken zur Reduktion bestehender Coping-Strategien durch Aufbau von alternativen Lösungsstrategien.

→ 4) Bestärkung von Normalverhalten.

 

Klinisch-relevant: Ergänzend haben sich nachfolgende Verfahren als hilfreich erwiesen; hierzu zählen u.a.:

→ A) Entspannungsverfahren wie die progressive Muskelrelaxation.

→ B) Sport- und Bewegungstherapie.

→ C) Freizeitgestaltung sowie der Aufbau sozialer Kontakte.

 

→ III: Medikamentöse Therapie: Eine pharmakologische Behandlung kann bei schweren Krankheitsverläufen und komorbiden psychischen Störungen ergänzend zur Psychotherapie eingesetzt werden. Diese sollte jedoch immer mit Zurückhaltung und nicht von langer Dauer erfolgen. Eingesetzt werden u.a.:

→ 1) Antidepressiva vom SSRI-Typ wie Escitalopram 10-20mg/d p.o. morgens oder SNRI wie z.B. Duloxetin 30-60mg morgens p.o.

→ 2) Opipramol, eine antidepressiv und anxiolytisch wirkende Substanz, führt nicht selten zu einer Verbesserung psychischer Begleitsymptome.

 

Klinisch-relevant: Es muss bei der pharmakologischen Behandlung mit einem gehäuften Auftreten intensiv erlebter Nebenwirkungen gerechnet werden.

 

IV: Psychodynamische Therapie: Sie steht bei der Therapie der Somatisierungsstörung nicht im Vordergrund umfasst jedoch nachfolgende Bearbeitungsaspekte:

→ 1) Bedeutende biographische Themen wie frühe traumatisierende Verluste von wichtigen Bezugspersonen z.B. Eltern, etc.

→ 2) Beeinträchtigende Erfahrungen mit schwerwiegenden eigenen Erkrankungen oder denen naher Angehöriger.

3) Tief verankerte Schuldgefühle und Bestrafungswünsche, etc.

 

Prognose: Bei der Somatisierungsstörung handelt es sich überwiegend um ein chronisch fluktuierendes Beschwerdebild mit z.T. erheblicher Einschränkung der Lebensqualität. Die Erfolgsaussichten der Therapie sind zumeist gering, sodass insbesondere ein früher Therapiebeginn empfohlen wird.