Verlauf und Prognose der Schizophrenie

Verlauf:

→ I: Das klassisch-klinische Bild der Schizophrenie kann akut oder schleichend auftreten.

II: Im Krankheitsverlauf unterscheidet man 3 Phasen:

 

→ I: Prodromalphase:

→ 1) Vor der akuten Schizophrenie zeigt sich häufig ein uncharakteristisches Prodromalstadium, welches meist über viele Monate bis Jahre besteht und sich durch eine Negativsymptomatik mit vermehrter Reizbarkeit, Affektlabilität und verminderter Leistungsfähigkeit auszeichnet.

→ 2) Die Betroffenen weisen einen Verlust der persönlichen Interessen, sozialen Rückzug sowie einen Leistungsknick auf.

 

Merke: Da die Symptome so uncharakteristisch sind, werden sie nicht selten verkannt. Gerade die Abgrenzung zu Krisen innerhalb der Pubertät fällt bei den betroffenen, jungen Menschen sehr schwer.

 

II: Aktive Krankheitsphase:

 1) Die akute, floride Krankheitsphase ist gekennzeichnet durch eine Positivsymptomatik. Hierbei kann man sogenannte Frühwarnzeichen bzw. -symptome einer Schizophrenie beobachten. Typische Frühwarnzeichen sind:

A) Nervosität,

→ B) Konzentrations- und Gedächtnisstörungen,

→ C) Schlafstörungen und sozialer Rückzug.

 2) Diese Prodrome können Tage bis Wochen vor eine akuten schizophrenen Episode bestehen. Die floride Krankheitsphase verläuft über Wochen bis Monate.

Merke:

 A) Bei der aktiven Krankheitsphase kristallisieren sich 3 Verlaufsformen heraus:

→ 1) Verlauf in Schüben: Es kommt nach mehreren/vielen Krankheitsepisoden zur Zunahme der Residualsymptome.

2) Verlauf in Phasen: Jeder Krankheitsepisode remittiert vollständig.

→ 3) In seltenen Fällen bleibt die Produktivsymptomatik chronisch bestehen.

→ B) Die Negativsymptomatik des Residualsyndroms muss von den postremissiven Zuständen wie postpsychotisches Erschöpfungssyndrom oder Depression abgegrenzt werden, da diese nach einer akuten Psychose auftreten, jedoch nach Wochen bis Monaten wieder abklingen. Die postremissive Phase weist unter anderem auch Konzentrationsstörungen, leichte Erschöpfbarkeit, depressive Verstimmung und hypochrondrische Beschwerden auf.

III: Residualphase: In den Langzeitstudien (nach Bleuler) verläuft die Schizophrenie unterschiedlich

→ 1) In 22% der Fälle kommt es nach der ersten akuten Episode zur Vollremission.

→ 2) In 43% bildet sich ein uncharakteristisches Residualsyndrom aus und

→ 3) 35% der Patienten weisen ein charakteristisches Residualsyndrom auf.

1) Uncharakteristisches Residualsyndrom: Ist definiert als einen, mehr als 3 Jahre bestehenden, irreversiblen Symptomkomplex, der gekennzeichnet ist durch physische wie psychische (kognitive) Defizite. Der Betroffene zeigt Konzentrations- und Gedächtnisstörungen, physische Leistungseinbußen, Erschöpfbarkeit, Schlafstörungen usw. auf. 

 

Merke: Die charakteristischen Erst- und Zweitrangsymptome nach K. Schneider, sowie die Symptomatik des charakteristischen Residualsyndroms fehlen.

 

2) Charakteristisches Residualsyndrom: Hier dominieren neben den uncharakteristischen Symptome auch reversibel Symptome des 1. und 2.Ranges, wie Realitätsferne, Antriebsverlust, parathymer Affekt, formale Denkstörungen, evtl. Autismus.

 

 

 I: Verlaufsklassifikation nach Bleuler: Der Verlauf der Schizophrenie nach Bleuler wird grob in 3 Typen unterteilt, die wiederum Subtypen aufweisen:

→ 1) Einfache Verläufe:

→ A) Akut zu schweren chronischen Verläufen

→ B) Chronisch zu schweren chronischen Verläufen (5-10%)

→ C) Akut zu leichteren chronischen Verläufen (5%),

→ D) Chronisch zu leichteren chronischen Verläufen (15-25%). 

2) Wellenförmige Verläufe:

→ A) Wellenförmig zu schweren chronischen Verläufen (< 5%),

→ B) Wellenförmig zu leichteren chronischen Verläufen (20-25%),

→ C) Wellenförmig mit nachfolgender Ausheilung ( 35-40%),

→ 3) Andere Verlaufsformen (um 5%).

 

 

II: Verlaufsklassifikation nach ICD-10:

→ 1) Kontinuierlich: Ohne Symptomremission, während des Beobachtungsintervalls.

→ 2) Episodisch: Mit Zunahme der Negativsymptomatik,

→ 3) Episodisch mit anhaltenden, jedoch nicht zunehmenden Negativsymptomen,

→ 4) Episodisch mit unvollständiger oder vollständiger Remission zwischen den psychotischen Episoden.

→ 5) Vollständige Remission,

6) Unvollständige Remission,

→ 7) Sonstige Verläufe,

→ 8) Nicht beurteilbar, aufgrund einer zu kurzen Beobachtungszeit (< 1Jahr).

 

 

Prognose:

→ I: Insgesamt ist die Prognose der Schizophrenie durch die verbesserte Pharmakotherapie und Psychotherapie deutlich positiver.

→ II: Jedoch manifestiert sich in 60-80% nach der ersten psychotischen Episode innerhalb von 2 Jahren ein Rezidiv.

III: Die Mortalität ist bei Schizophrenen durch die erhöhte Suizidrate deutlich gesteigert. Ca. 50 % unternehmen einen Suizidversuch (siehe auch Suizidalität). Risikofaktoren hierfür sind u.a.:

→ 1) Junges Alter,

→ 2) Hoher Bildungsgrad,

→ 3) Depressive Verstimmungen und

4) Persistenz der Symptomatik.

 

 

Klinisch-relevant: Faktoren, die für einen günstigen/ungünstigen Verlauf der Schizophrenie sprechen:

→ I: Günstiger Verlauf: Weiblich, verheiratet, vorausgegangene gute soziale und berufliche Integration, akuter Beginn, belastende Ereignisse vor Kranheitsbeginn, seltene und kurze psychotische Episoden, affektive Störungen, frühe pharmakologische Behandlung der psychotischen Symptome und gutes Ansprechen.

→ II: Ungünstiger Verlauf: Männlich, geschieden, soziale Isolation, Anpassungsstörungen während der Adoleszenz, schleichender Beginn, lange und häufige psychotische Phasen, Negativsymptomatik, fehlende frühzeitige pharmakologische Behandlung, weitere Faktoren sind früher Beginn, fortgesetzter Drogenkonsum, kognitive Defizite bzw. verminderte Intelligenz usw.

 3) Je akuter der Beginn und je deutlicher die prämorbide Auslösesituation, umso günstige die Prognose.

 4) Faustregel bei der Langzeitprognose ist die Dríttelregel:

→ A) Bei 1/3 der Fälle kommt es zu vollständigen Remission,

 B) Bei 1/3 findet man nach Rezidiven leichte Residuen und

 C) 1/3 der Fälle zeigt sich ein beträchtliches Residualsyndrom.

→ 5) Soziale Heilung: Hierunter versteht man die Wiedereingliederung der Patienten in das Berufsleben. Ca. 60% der Schizophrenen können soziale geheilt werden, wobei 40%  das prämorbide Niveau erreichen und 20% unterhalb dieses liegen. Des Weiteren sind 20% begrenzt erwerbsfähig und 20% erwerbsunfähig. Die soziale Heilung ist von unterschiedlichen Faktoren, wie:

→ A) Weibliches Geschlecht,

B) Frühzeitige Pharmakotherapie (auch zur Rezidivprophylaxe),

→ C) Beschäftigungs- und Arbeitstherapie und

→ D) Förderung der Eigenaktivtät abhängig.