Definition, Epidemiologie, Pathogenese somatoformer Störungen

Definition:

→ I: Bei den somatoformen Störungen handelt es sich um eine Gruppe von Krankheitsbildern, denen rezidivierende oder anhaltende Körperbeschwerden gemeinsam ist.

→ II: Den körperlichen Symptomen sind keine ausreichenden somatischen Befunde zuzuordnen, jedoch spielen Konflikte und Belastungssituationen bei der Entstehung eine wichtige Rolle.

→ III: Durch die körperlichen Beschwerden sind die Betroffenen meist stark in ihrer beruflichen Leistungsfähigkeit, sowie in ihrer Freizeitgestaltung eingeschränkt und weisen nicht selten einen hohen Leidensdruck mit sozialem Rückzug auf.

→ IV: Die wichtigsten Subtypen der somatoformen Störungen sind insbesondere:

→ 1) Somatisierungsstörungen,

→ 2) Hypochondrische Störungen

→ 3) Somatoforme Schmerzstörungen und

→ 4) Somatoforme autonome Funktionsstörungen

 

Epidemiologie:

→ I: Die somatoformen Störungen treten gehäuft auf, die Prävalenz ist jedoch nicht genau eruierbar. Sie entwickeln sich meist in der Adoleszenz und im frühen Erwachsenenalter.

→ II: Bei der hypochondrischen Störung liegt die Prävalenz bei 4%, wobei Frauen genauso häufig wie Männer betroffen sind.

→ III: Bei der Somatisierungsstörung liegt die Prävalenz bei 2-4%, in Krankenhäusern jedoch deutlich höher (bis 20%). Frauen sind deutlich häufiger betroffen als Männer.

→ IV: Die somatoformen Schmerzstörungen sind nur schwer von den organischen Schmerzzuständen abzugrenzen. Frauen sind in etwa genauso häufig wie Männer betroffen; es besteht eine familiäre Häufung.

 

Ätiologie:

→ I: Die Entstehung der somatoformen Störungen ist multifaktoriell bedingt.

→ II: Auslösende Faktoren sind psychosoziale Belastungen wie intrafamiliäre Konflikte, Konflikte innerhalb der peer-group oder schulische bzw. berufliche Überforderung, aber auch Krankheiten.

→ III: Diese Belastungssituationen wiederum treffen auf eine individuelle Situation, die geprägt ist durch biologische Variablen, die eigene Persönlichkeitsentwicklung bzw. Persönlichkeitsstruktur (Entwicklungsstörungen), sowie evtl. Störungen im Bereich der Wahrnehmung und Konfliktverarbeitung usw.

1) Biologische Faktoren: Hypofrontalität mit vermindertem Metabolismus im Frontalhirn, vermehrte Aktivität im Bereich der Hypothalamus-Hypophysen- Nebennierenrinden-Achse, sowie eine genetische Disposition mit familiär gehäuftem Auftreten (Familienangehörige 1. Grades).

→ 2) Persönlichkeitsstruktur:

→ A) Bestimmte Persönlichkeitsstrukturen wie z.B. asthenische - oder selbstunsichere Persönlichkeiten weisen ein erhöhtes Risiko für die Ausbildung einer somatoformen Störung auf.

→ B) Auch Patienten mit Alexithymie (= Unvermögen eigene Emotionen darzustellen bzw. mit diesen umzugehen) und gleichzeitiger physischer oder psychischer Belastung neigen dazu, eine somatoforme Störung zu entwickeln.

3) Entwicklungsgeschichtliche Störungen: Hier zeigen sich nicht selten Störungen in der frühkindlichen Entwicklung in From von Verlusterfahrungen wichtiger Bezugspersonen, aber auch körperlicher, seelischer oder sexueller Missbrauch auf.

4) Lerntheoretische Faktoren:

→ A) Modelllernen: Häufig findet man in der unmittelbaren familiären Umgebung viele und z.T. schwerwiegende Krankheitserfahrungen. Eine Verstärkung erfolgt durch den primären (inneren) und sekundären Krankheitsgewinn (vermehrte Zuwendung, Entlastung durch die eigene Familie).

→ B) Gestörte Wahrnehmung und Beurteilung von Körperempfindungen durch einen interozeptiven Wahrnehmungsstil (= Fehlinterpretation normaler Organfunktionen als pathologisch).

 → C) Somatosenitiver Verstärker: Die gestörte körpereigene Wahrnehmung wird verstärkt durch die selektive Aufmerksamkeit auf eine spezifische Organfunktion und dysfunktionale Kognitionen wie katastrophisierendes Denken (nach A.T. Beck).

 

Beispiel: (z.B. Hypochondrische Störung) Charakteristisch ist die Zuwendung zu einer spezifischen Organfunktion (z.B. Herzrhythmus). Hierdurch kommt es zu einer körperlichen Anspannung, die einen vegetativen Regelkreis aktiviert, der wiederum die befürchtete Organstörung (Herzrhythmusstörung) verstärkt. So kann ein Patient, der sein Augenmerk auf die Herzfrequenz durch Pulsmessen legt Extrasystolen durch die dauerhafte körperliche Anspannung provoziet. Das wiederholte Erleben dieses Phänomens (Extrasystole) schließlich fixiert das Symptom.

 

5) Psychoanalytische Faktoren: Unbewusste Konflikte und Triebimpulse werden im Sinne des Abwehrmechanismus (Konversion) auf das Körperliche übertragen.

 

Klinisch-relevant:

→ A) Die Frage, warum ein bestimmtes Organsystem betroffen ist, lässt sich in vieler Weise begründen. Jedoch besteht bei den meisten Menschen eine Anfälligkeit für ein bestimmtes Organ, funktionelle Störungen aufzuweisen.

→ B) Dies wird als Locus minoris resistencia (= Organminderung) bezeichnet und durch spezifische Anlagen bzw. somatische Vorerkrankungen hervorgerufen.