Ätiologie und Pathogenese der Suizidalität

Ätiologie/Pathogenese: Suizidales Verhalten kann grundsätzlich bei jedem Mensch möglich sein, tritt aber überwiegend auf dem Boden von psychischen Störungen und/oder psychosozialen Krisen auf. Es handelt sich somit um ein multifaktorielles Geschehen, das insbesondere von individuellen - (u.a. genetischen und biologischen Faktoren), kulturellen -, psychologischen - und soziologischen Faktoren abhängig ist. Hierzu zählen v.a.:

I: Biologische Faktoren:

 1) Zwillingsstudien haben gezeigt, dass die genetische Disposition Einfluss auf die Suizidalität hat;

→ 2) Serotonin-Hypothese: Hierbei steht eine gestörte serotonerge Transmission mit verminderter präsynaptischer Serotonin-Aktivität und konsekutiver Hochregulation der postsynaptischen Serotoninrezeptoren insbesondere in der präfrontalen Kortex im Vordergrund. Diesbezüglich war bei Patienten nach einem Suizidversuch eine verminderte Transmitterkonzentration an Serotonin und seinem Hauptmetaboliten, der Hydroxyindolessigsäure, im Liquor nachweisbar; insbesondere in der Impulskontrolle spielt Serotonin eine wichtige Rolle.

 3) Zudem ist eine familiäre suizidale Häufung verifiziert (z.B. In der Familie von Ernest Hemingway nahmen sich überdurchschnittlich viele männliche Angehörige das Leben).

II: Lerntheorethische Faktoren: 

→ 1) Hierbei ist die Depression und die Suizidalität Folge eines pathologischen Denkstils (nach Beck) im Sinne einer Übergeneralisierung (alles ist negativ, die Welt ist schlecht, ich kann nichts und es wird niemals mehr besser) und kognitiven Verzerrung. Die Antwort auf die subjektive Hoffnungslosigkeit ist der Suizid als einzige Lösungsoption.

2) Eine weitere lerntheoretische Erklärung bezieht sich auf das Konzept der "erlernten Hilflosigkeit". Persistierende Emotionen, den eigenen Problemen ausgeliefert zu sein, können den Patienten veranlassen, den Suizid als einzige mögliche Lösungsstrategie anzusehen.

→ III: Verhaltenstheoretisches Modell: Sie geht von der Verhaltensgleichung nach Schmidtke, welche 4 Komponenten miteinbezieht, aus (in Anlehnung an das SORKC-Schema nach Kanfer):

558 Erklärungsmodell des suizidalen Verhaltens

→ 1) Stimulusvariable: Beinhaltet akute Lebensereignisse und die individuelle soziale Situation.

2) Organismusvariable: Sie stellt das Verhaltensrepertoire des Individuums dar und ist u.a. abhängig von den organischen Bedingungen wie psychische und somatische Störungen.

→ 3) Reaktionsweise: Beschreibt das suizidale Verhalten.

4) Kontingenz/Consequencen: Nochmalige Überprüfung der Ausgangssituation (Kontingenz der Verstärkerbedingungen) und es erfolgt die Konsequenz, beeinflusst durch die Reaktionsweise zum Tod, geprägt durch die Einstellung der Gesellschaft zum Suizid als negative Verstärker oder durch Zuwendung von Seiten der Umwelt als positiver Verstärker.

IV: Psychodynamische Faktoren: Aus tiefenpsychologischer Sicht ist das suizidale Verhalten anhand von 2 Gesichtspunkten erklärbar.

1) Aggressionsmodell: Es bestehen intrapsychische Aggressionskonflikte, die zum suizidalen Verhalten im Sinn der Konfliktlösung führen. Eine Fremdaggression gegenüber dem verlassenden Partner wird zur Eigenaggression.

2) Narzisstische Krise: Patienten mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung haben ein geringes Selbstwertgefühl. Die narzisstische Verletzlichkeit wird durch Kränkungen und Enttäuschungen aus dem sozialen Umfeld hervorgerufen. Können diese Kränkungen wie Trennungskonflikte, berufliche Niederlagen usw. nicht überwunden werden, kommt es über einen Zwischenschritt der psychopathologischen Dekompensation (Wut, Depressivität etc.) zum suizidalen Verhalten als Zeichen der Regression in frühere Entwicklungsstufen.

556 Narzissmus Theorie nach Henseler

V: Persönlichkeitsstruktur:

→ 1) Affektive-kognitive Einengung: Diese besteht meist aufgrund von psychischen Störungen wie Depression, Abhängigkeitserkrankungen und Schizophrenie.

2) Eigene Willensentscheidung: Meist zeigt sich eine Beeinflussung aufgrund von psychopathologischen Veränderungen.

→ 3) Psychosoziale Einengung: Ist gerade bei dauerhafter Arbeitslosigkeit und Aussiedlung nachweisbar.

VI: Psychosoziale Faktoren: Hierzu gehören Erziehungsstil, Leistungsdruck, Wertesysteme, Altersstruktur und nicht zuletzt die Enttabuisierung des Suizids, die die Suizidschwelle senkt.

VII: Weitere Risikofaktoren: Sie beinhalten unter anderem:

1)Suizid-gefährdete Personenkreise: Wie emotional-instabile-Persönlichkeiten, Patienten mit Suchterkrankungen oder depressiven Erkrankungen, Anorexie, chronisch-somatisch erkrankte Menschen, Menschen mit akuten schweren Erkrankungen, mit Migrationshintergrund, sowie vor allem alleinstehende Männer im hohen Lebensalter (Vereinsamung mit dem Gefühl der Hilflosigkeit, Hoffnungslosigkeit, Wertlosigkeit und fehlender Zukunftsperspektive).

→ 2) Soziologische Faktoren: Auch soziologische Einflüsse wie die Religionszugehörigkeit (Protestanten > Katholiken), der Wohnort (Stadt > Land) und das Klima (nördlichen Regionen > südlichen) haben Einfluss auf die Suizidrate.

 

Klinisch-relevant: Der Soziologie E. Durkheim sah den Suizid als Folge einer missglückten Anpassung eines Individuums an die Gesellschaftsnorm und unterschied 4 Subtypen des Suizids:

555 Subtypen des Suizids nach Durkheim

 

3) Psychopathologische Syndrome mit erhöhter Suizidalität: Hierzu zählen wahnhafte-depressive-Syndrome, agitierte-depressive-Syndrome, chronisch-depressive-Syndrome und paranoide-halluzinatorische-Erkrankungen mit akustischen Halluzinationen (z.B. imperative Stimmen).

554 Psychische Störungen, die mit einer erhöhten Suizidalität einhergehen

4) Krisenhafte Lebenssituationen mit erhöhter Suizidalität: Reifungskrisen in der Adoleszenz (= Pubertätskrisen), Trennung, Scheidung, Tod einer nahestehenden Person, Verlust des Arbeitsplatzes, Migration und Flucht.

 

Klinisch-relevant: Formen des Suizids:

→ A) Parasuizid: Hierbei handelt es sich um eine appellative Handlung, die den Blick auf die seelische Not des Patienten richtet. Der Tod ist zumeist nicht gwünscht, wird aber in Kauf genommen. 

→ B) Imitationssuizid: 

→ 1) Selbsttötung im eigenen Umfeld oder aus den Medien kann zur eigenen Suizid-Handlung anregen.

 2) Ein Beispiel ist der Werther-Effekt, bei der der Suizid des jungen Werthers (Goethe) eine Epidemie gleich zugeführter Suizide hervorrief.

→ B) Bilanzsuizid: Ist eine weitere Form des Suizids, wobei der Betroffene alleinig aus einer rationalen Entscheidung heraus und ohne psychopathologischen Befund den Selbstmord begeht. Diese Form der Selbsttötung ist sehr selten und wird diskutiert.

→ D) Erweiterter Suizid: Es handelt sich um einen Suizid der eigenen Person und anderer Personen ohne deren Einverständnis.