EKG-Befund: Wolff-Parkinson-White-Syndrom / WPW-Syndrom

Definition:

→ I: Beim WPW-Syndrom handelt es sich um das häufigste Präexzitationssyndrom mit zum Teil lebensgefährlichen Tachyarrhythmien aufgrund einer akzessorischen Leitungsbahn.

→ II: Charakteristikum ist, dass die Leitungseigenschaften des AV-Knotens und der akzessorischen Leitungsbahn unterschiedlich sind. Während die akkzessorische Leitungsbahn eine deutlich schneller Leitungsgeschwindigkeit aufweist ist die Refraktärzeit im Vergleich zum AV-Knoten verlängert.

 

Pathophysiologie: Physiologischerweise wird der Ventrikel ausschließlich über den AV-Knoten und das HIS-Purkinje-System aktiviert. Beim WPW-Syndrom liegt eine zusätzliche Verbindung in Form einer embryonal persistierenden Muskelbrücke zwischen Vorhof und Ventrikel vor. Sie wird als Kent-Bündel bezeichnet. Es leitet den Impuls deutlich schneller als der AV-Knoten, sodass im Bereich der Ventrikelinseration die Kammeraktivierung früher beginnt; im Oberflächen-EKG bei der klassischen Form als Delta-Welle nachweisbar.

 

EKG-Veränderungen:

→ I: Das klassische WPW-Syndrom ist durch charakteristische EKG-Veränderungen gekennzeichnet:

→ 1) Auftreten einer Delta-Welle zu Beginn der Kammererregung.

→ 2) Verkürzung der PQ-Zeit unter 120msec.

→ 3) Verbreiterung des QRS-Komplexes auf > 120msec.

→ 4) Evtl. Repolarisationsstörungen mit ST-Strecken-Senkung und T-Wellen-Veränderungen (T-Wellen Negativierung).

859 Charakteristische EKG Veränderung beim WPW Syndrom 

→ II: Die Kammererregung stellt eine Fusionsaktivierung aus 2 Komponenten dar:

→ 1) 1. Komponente: Delta-Welle durch die vorzeitige Kammererregung aufgrund der AL.

→ 2) 2. Komponente: Als Folge der Kammererregung durch den AV-Knoten und das His-Bündel-Purkinje-Faser-System.

 

Klassifikation: Beim WPW-Syndrom werden 2 Formen der Reentry-Tachykardie unterschieden:

I: Orthodromes WPW-Tachykardie:

→ 1) Die Kammererregung erfolgt antegrad über den AV-Knoten und retrograd über die akzessorische Leitungsbahn (= Kent-Bündel). Kann die akzessorische Leitungsbahn ausschließlich retrograd leiten spricht man von einem verborgenen WPW-Syndrom (hierbei entwickelt sich keine lebensbedrohliche Situation bei gleichzeitig bestehendem Vorhofflimmern).

→ 2) EKG-Charakteristika: Sind u.a.:

→ A) Der QRS-Komplex ist typischerweise schmal und die Delta-Welle fehlt.

→ B) Die P-Welle ist in den inferioren Ableitungen II, III und aVF negativ; in der Brustwandableitung V1 ist sie positiv.

→ C) Des Weiteren liegt die Herzfrequenz bei 150-220 Schlägen/min und das RP-Intervall ist < als das PR-Intervall.

770 Orthodrome bzw. antidrome WPW Tachykardie

 

  Klinisch-relevant: Pathognomonisch, aber nicht obligat, für die orthodrome WPW-Tachykardie sind:

768 Pahtogomonische Phänomene bei der WPW Reentry Tachykardie 

 

II: Antidrome WPW-Tachykardie:

→ 1) Die Erregung wird antegrad über die AL retrograd über den AV-Knoten geleitet. Diese Form stellt das manifeste WPW-Syndrom mit Nachweis einer Delta-Welle und verbreiteren QRS-Komplex im EKG dar.

→ 2) Beim manifesten WPW-Syndrom unterscheidet man nochmals zwischen einem:

→ A) Permanenten WPW-Syndrom: Hierbei weisen alle QRS-Komplexe elektrokardiographisch eine Delta-Welle auf.

B) Intermittierenden WPW-Syndrom: Intermittierend lassen sich QRS-Komplexe mit einer Delta-Welle. Ursache ist im Vergleich zum AV-Knoten eine deutlich verlängerte Refraktärzeit der akzessorischen Leitungsbahn.

→ 3) Entsprechend der vorzeitigen Kammeraktivierung insbesondere in den Brustwandableitungen V1 und V2 werden nach Rosenbaum folgende Typen differenziert:

769 Klassifikation der vorzeitigen Kammeraktivierung nach Rosenbaum

 

  Komplikation: Vor allem bei Patienten mit manifestem WPW-Syndrom kann es vermehrt zum Auftreten von Vorhofflimmern und -flatter kommen, die infolge der schnellen Überleitung (bei gleichzeitig kurzer Refraktärzeit) der akzessorischen Leitungsbahn zu schwerwiegenden Kammertachykardien führen. Insbesondere kurze RR-Intervalle < 250msec, eine klinischer Symptomatik oder eine Ebstein-Anomalie weisen ein deutlich erhöhtes Risiko für das Auftreten von plötzlichen Herztodesfällen.