Selektive-Serotonin-Reuptake-Inhibitoren (SSRI)

Definition: Bei den Selektiven-Serotonin-Reuptake-Inhibitoren handelt es sich um eine Gruppe modernerer Antidepressiva. Zu den ihnen (= SSRI) zählen insbesondere:

I: Citalopram (z.B. Cipramil);

→ II: Escitalopram (z.B. Cipralex);

→ III: Fluoxetin (z.B. Fluctin);

→ IV: Fluvoxamin (z.B. Fevarin);

→ V: Paroxetin (z.B. Serotax);

→ VI: Sertalin (z.B. Zoloft).

 

Wirkmechanismus: Die SSRI hemmen die Serotonin-Wiederaufnahme in das präsynaptische Neuron (mit konsekutiver Kumulation von Serotonin im synaptischen Spalt) durch hochselektive Blockade des Serotonin-Wiederaufnahme-Transporters (= SERT); die anderen Transmittersysteme wie Noradrenalin, Dopamin, etc. bleiben bezüglich der klinischen Relevanz unbeeinflusst. Die SSRI haben neben der stimmungsaufhellenden Wirkung auch einen anxiolytischen und antriebssteigernden Effekt. 

 

→ Pharmakokinetik: Pharmakokinetik einiger wichtiger SSRI:

598 Pharmakokinetik wichtiger SSRI

 

Indikation:

→ I: Depression;

→ II: Angststörungen; Mittel der Wahl sind insbesondere Paroxetin und Fluvoxamin.

→ III: Zwangsstörungen; v.a. Paroxetin und Fluvoxamin.

→ IV: Bulimia nervosa gerade hierbei wird Fluoxetin eingesetzt;

→ V: Posttraumatische Belastungsstörungen;

 

Klinisch-relevant:

→  A) Gerade die beiden SSRI, Citalopram und Sertalin sind aufgrund ihrer guten Verträglichkeit und ihrer geringen kardialen Nebenwirkungen bei der Behandlung der Depression unter den SSRI die Mittel der 1. Wahl.

→  B) Weisen keine anticholinergen sowie antihistaminergen Symtome auf.

Nebenwirkungen: Die selektiven-Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer antagonisieren das vegetative Nervensystem sowie die Histamin- und Serotonin-Rezeptoren nicht und haben diesebezüglich deutlich weniger schwerwiegende Nebenwirkungen als die trizyklische AD. Insbesondere der arrhythmogene Effekt am Herz fehlt. Charakteristische Nebenwirkungen sind u.a.:

I: Gastrointestinal: Mit Appetitlosigkeit, Übelkeit, Erbrechen, krampfartigen Bauchschmerzen, Diarrhoe und Gewichtsverlust.

II: Zentralnervös: Kopfschmerzen, Schwindel, Schwitzen, Innere Unruhe, Tremor, Schlafstörungen, aber auch Angst und Aggressivität.

III: Sexuelle Funktionsstörungen: Mit Reduktion von Libido und Potenz, bei der Frau können sich Menstruationsstörungen manifestieren. Diese Nebenwirkung ist dosisabhängig.

→ IV: Syndrom der inadäquaten ADH-Sekretion: Das Schwartz-Bartter-Syndrom entwickelt sich insbesondere in den ersten Behandlungswochen, wobei Frauen häufiger als Männer betroffen sind. Ursache ist eine vermehrte ADH-Sekretion mit konsekutiver Hyponatriämie, Wasserretention und verminderter Serumosmolalität. Charakteristische Symptome sind u.a. körperliche Schwäche, Kopfschmerzen, Schwindel, Synkopen und Verwirrtheitszustände.

→ VI: Weitere Nebenwirkungen: Sind u.a.:

→ 1) Immunologische NW: Mit Hautausschlägen, eosinophiler Pneumonie und evtl. Vaskulitiden.

→ 2) Erhöhtes Missbildungsrisiko: Gerade die Einnahme von SSRI im ersten Schwangerschaftstrimenon führt zu einem vermehrten Auftreten von Herzfehlern. 

 

Klinisch-relevant:

→ A) Die oben genannten Nebenwirkungen treten zumeist zu Therapiebeginn auf und führen nicht selten zu einem Therapieabbruch.

→ B) Gerade wegen der inneren Unruhe bzw. den Schlafstörungen ist oftmals eine Kombinationstherapie z.B. mit einem weiteren Medikament indiziert:

→ 1) Sedierendes Antidepressivum wie Mirtazapin/Trazodon.

2) Zusätzlich Gabe eines niederpotenten, klassischen Neuroleptikums wie Promethazin zur Behandlung der NW „Innere Unruhe“.

3) Gabe eines Benzodiazepins wie Lorazepam.

→ C) Absetzphänomen: (der SSRI) Beim plötzlichen Absetzten der Selektiven-Serotonin-Wiederaufnahmehemmer können sich akut Symptome wie innerer Unruhe, Stimmungsschwankungen, grippeähnlichen Beschwerden sowie eine erhöhte Suizidalität insbesondere bei jüngeren depressiven Patienten (< 25. Lebensjahr) entwickeln. 

 

Komplikation: Eine wichtige und schwerwiegende Komplikation unter der Einnahme von SSRI ist das zentrale Serotoninsyndrom:  

I: Definition: Hierbei handelt es sich um eine schwerwiegende Nebenwirkung, die bei serotonerg wirkenden Substanzen wie den SSRI, MAO-Hemmern, dem trizyklischen Antidepressivum Clomipramin, Triptanen (Migränemittel), Amphetaminen, Kokain und Lithium, sowie durch deren Kombination aber auch bei Patienten mit einem Poor-Metabolizer Status auftreten kann. Ursache ist die Hemmung des Serotonintransporters (= SERT)

II: Klinik: Das serotonerge Syndrom weist ein charakteristisches Symptomtrias auf, bestehend aus:

1) Fieber;

→ 2) Neuromuskuläre Symptome mit Tremor, Myoklonien, etc und 

→ 3) Psychische Auffälligkeiten mit Desorientiertheit usw.

4) Weitere Symptome sind Übelkeit, Erbrechen Diarrhö.

III: Komplikationen: Sind nicht selten lebensbedrohlich und umfassen u.a. Krampfanfälle, Herzrhythmusstörungen, Verbrauchskoagulopathie, Koma, Multiorganversagen.

→ IV: Therapie: Sofortiges Absetzen der serotonerg-wirksamen Substanz. Bei Persistenz evtl. Gabe eines Serotoninantagonisten wie Cyproheptadin (Peritol).

 

Wechselwirkungen:

→ I: Gerade die älteren SSRI wie Fluoxetin, Paroxetin Fluvoxamin können bei Kombination mit TZA zum Plasmaspiegelanstieg der trizyklische Antidepressiva führen durch Inhibition des Cytochrom-P450-Systems. 

→ II: Eine Kombination mit MAO-Hemmern, Lithium, Johanniskraut etc. kann ein serotonerges Syndrom induzieren, sodass diese Kombinationstherapie kontraindiziert ist.

 III: Steigerung des Blutungsrisikos, insbesondere auch im Gastrointestinal-Trakt bei einer Kombinationstherapie mit COX-Hemmstoffen.

 

→ Kontraindikationen: Wichtige Kontraindikationen bei der Therapie mit SSRI sind u.a. die:

→ I: Akute Manie,

→ II: Kombination mit MAO-Hemmern.

→ III: Eine relative Kontraindikation besteht bei:

→ 1) Diabetikern, da es zu ausgeprägten BZ-Schwankungen kommen kann.

→ 2) Epileptikern durch Senkung der Krampfschwelle und

→ 3) Patienten, die orale Antikoagulantien applizieren, da sich häufig eine erhöhte Blutungsneigung entwickelt.