Antipsychotika der 2. Generation / Atypische Neuroleptika

Definition: Bei den atypischen Neuroleptika handelt es sich um eine heterogene Gruppe von Substanzen, die eine gute antipsychotische Wirkung, jedoch keine/geringe extrapyramidal-motorische Nebenwirkungen aufweisen und zusätzlich die Negativsymptomatik positiv beeinflussen.

 

Wirkmechanismus:

→ I: Die atypischen Neuroleptika weisen im Vergleich zu den klassischen Neuroleptika eine geringe D2-Rezeptor-Affinität.

II: Antagonismus: An 5HT2A-Rezeptoren (Serotonin); zudem wirken sie an Alpha-1-, Muskarin- und H1-Rezeptoren.

III: Wirkt gerade im Bereich des mesolimbischen und mesokortikalen Systems.

IV: Die atypischen Neuroleptika haben eine erhöhte Affinität zu Dopamin-D1- und D4-Rezeptoren (Wirkungsmechanismus der Neuroleptika).

 

→ Wirkstoffe:

→ I: Amisulprid: = Solian; mittlere Tagesdosis: 200-800mg/d; besonders bei der Negativsymptomatik wirksam.

→ II: Aripiprazol: = Abilify; mittlere Tagesdosis 15 mg/d),

→ III: Clozapin (= Leponex) mittlere Tagesdosis 75-900mg/d; Stellt das effektivste aller Neuroleptika dar und ist insbesondere bei einer Therapieresistenz indiziert.

→ IV: Olanzapin: = Zyprexa; mittlere Tagesdosis 5-20mg/d; ausgeprägte metabolische Nebenwirkungen mit deutlicher Gewichtszunahme,

→ V: Quetiapin: = Seroquel; mittlere Tagesdosis 300-750 mg/d.

→ VI: Risperidon: = Risperdal; mittlere Tagesdosis 0,5-4mg/d,

→ VII: Weitere atypische Neuroleptika: Ziprasidon (Zeldox) Zotepin.

732 Wichtige atypische Antipsychotika

 

→ Indikation: Hier folgen einige Präparate und ihre spezifische Indikation und Wirkungsweise:

I: Risperidon: Risperdal mittlere Tagesdosis: 0,5-4mg/d bis maximal 10mg/d:

1) Indikation:

→ A) Behandlung der Schizophrenie.

B) Mäßige bis schwere Manie bei bipolaren Störungen.

C) Aggressionen im Rahmen von Verhaltensstörungen retardierter Kinder und Jugendlicher.

D) Bei Verhaltensstörungen und psychotischen Symptomen im Zuge einer Demenz.

731 Wichtige Aspekte des Risperidons

 

Klinisch-relevant:

→ A) Depotpräparat: Risperdal-Consta wird in einem Applikationsintervall von 14 Tagen mit einer Erhaltungsdosis von 25-50mg verabreicht.

B) Die Wirkung des Depotpräparates setzt mit einer Latenz von 3 Wochen nach der ersten Injektion ein, sodass in diesem Zeitintervall noch eine orale Gabe erfolgen muss.

 

2) Wirkmechanismus: Es blockiert folgende Rezeptoren:

→ A) 5HT2A-Rezeptoren (Serotonin)

B) Dopamin-2-Rezeptoren sowie

C) Alpha-1-Rezeptoren (adrenergen).

→ 3) Nebenwirkungen: Es entwickeln sich insbesondere bei hohen Risperidon-Dosen extrapyramidal-motorische Symptome (↑), Hyperprolaktinämie (↑↑↑), Gewichtszunahme, orthostatische Dysregulation.

→ 4) Metabolsimus: Risperidon wird über die CYP 2D6 in der Leber metabolisiert.

II: Olanzapin: = Zyprexa mittlere Tagesdosis: 5-20 mg/d:

 → 1) Indikation:

→ A) Pharmakotherapie der Schizophrenie.

B) Mäßige bis schwere Manie im Zuge einer bipolare Störungen.

→ 2) Wirkmechanismus: Blockade der 5HT2A, der D1-D5, der Acetylcholin-, der Alpha-1- und nicht zuletzt der histaminergen Rezeptoren.

→ 3) Applikationform: Olanzapin kann auch in der Akuttherapie durch i.m. Gabe appliziert werden. Nach einer i.m. Injektion von Olanzapin-Pamoat sollte der Patient jedoch aufgrund eines Postinjektions-Syndroms über 3h überwacht werden, da Anzeichen einer Überdosierung auftreten können. Als Depotpräparat ist das Olanzapin-Pamoat mit einer Erhaltungsdosis von 150-210mg und einem Applikationsintervall von 2 Wochen bzw. mit einer Erhaltungsdosis von 300-405mg und einem Applikationsintervall von 4 Wochen zu verabreichen.

→ 4) Nebenwirkungen: Sedierung (therapeutisch genutzt), Gewichtszunahme bis 15-30kg/Jahr, metabolisches Syndrom mit erhöhtem Diabetesrisiko, Transaminase-Anstieg, anticholinerge Nebenwirkungen (Tachykardie, Schwitzen, Obstipation, Harnverhalten, Mundtrockenheit etc.).

730 Wichtige Aspekte des Olanzapins

 

Klinisch-relevant: Postinjektions-Syndrom bei Olanzapin: Hierbei kann sich nach einer i.m. Applikation von Olanzapin-Pamoat in den ersten 3 Stunden Symptome einer Überdosierung entwickeln. Klinische Symptome sind Sedierung bis hin zum Koma, Delir mit Desorientierung und Verwirrtheitszuständen, extrapyramidal-motorische Störungen, Sprachstörungen, Ataxie, Schwindel und Krampfanfälle.

 

III: Amisulprid: = Solian; mittlere Tagesdosis 400-800mg/d bis maximal 1200mg/d:

→ 1) Indikation: Zu Behandlung einer akuten oder chronischen Schizophrenie mit dominierenden Negativ-symptomen und nur geringer Positivsymptomatik.

→ 2) Wirkmechanismus: Wirkt durch Hemmung der D2-Rezeptor, vorwiegend im mesolimbischen (antipsychotische Wirkung) und im tuberoinfundibulären System (Hyperprolaktinämie, weniger im nigrostriatalem System (nur geringe extrapyramidal-motorische NW). Antagonisiert aber auch als einziger Vertreter selektiv die D2-, D3- und D4-Rezeptoren.

→ 3) Nebenwirkungen: Hyperprolaktinämie mit Galaktorrhoe (↑↑↑), Menstruationsstörungen, Gewichtszunahme, QT-Verlängerung und Transaminase-Anstieg.

733 Wichtige Aspekte des Amisulprid

IV: Clozapin stellt den Prototyp der Antipsychotika der 2.Generation dar.

V: Quetiapin: = Seroquel; Einschleichend: 50-100mg/d; mittlere Tagesdosis 300-450mg/d bis maximal 800mg/d):

1) Indikation:

→ A) Behandlung einer Schizophrenie.

B) Behandlung einer mäßigen bis schweren Manie im Zuge einer bipolaren affektiven Störung.

C) Behandlung einer schweren depressiven Episode im Zuge einer bipolaren Störung. 

→ D) Quetiapin ist zusätzlich in der Rezidivprophylaxe bipolarer Störungen zugelassen.

 2) Wirkmechanismus: Blockade der H1- und der Alpha-1-Rezeptoren.

 3) Nebenwirkungen: Sedierung, orthostatische Dysregulation, QT-Verängerung, Gewichtszunahme und Transaminase-Anstieg.

VI: Aripiprazol: = Abilify; mittlere Tagesdosis 10-30mg/d morgens:

1) Indikation:

→ A) Behandlung und Rezidivprophylaxe der Schizophrenie.

B) Behandlung und Rezidivprophylaxe der Manie

2) Wirkmechanismus:

→ A) D2-Rezeptorantagonsimus mit intrinsisch-agonistischer Wirkung = partieller Agonist.

B) Partieller Agonist an den 5HT1a-Rezeptoren.

→ 3) Nebenwirkungen: Charakteristische Nebenwirkungen sind u.a. Akathisie (= Unvermögen ruhig zu sitzen), orthostatische Dysregulation, evtl. leichte extrapyramidal-motorische Störungen.

 

Klinisch-relevant: Durch den kombinierten Wirkmechanismus von Aripiprazol am D2-Rezeptor, wirkt es einerseits gut auf die durch den Dopamin Überschuss verursachten psychotischen Symptomen, andererseits aber auch gleichzeitig auf die durch den Dopamin-Mangel verursachten Negativ-Symptome.

 734 Wichtige Aspekte des Aripiprazols

 

VII: Ziprasidon: = Zeldox; mittlere Tagesdosis 80-120mg/d maximal 160mg/d.

 1) Indikation:

→ A) Zur Behandlung der Schizophrenie (auch bei Jugendliche zwischen 10-17Jahren).

B) Leichte bis mäßige manische oder gemischte Episoden bei bipolaren Störungen (jedoch nicht zur Rezidivprophylaxe zugelassen).

2) Wirkmechanismus: Hemmung der 5HT2A Rezeptoren, der D2- und der H1-Rezeptoren. Zudem hat es eine blockierende Wirkung an serotonergen und noradrenergen Transportersystemen, sodass es den Antrieb sowie die Kognitionen positive beeinflusst.

 3) Nebenwirkungen: Bei Ziprasidon besteht gerade ein erhöhtes Risiko für eine Q/T-Verlängerung (↑↑↑), sodass unter Einnahme dieser Substanz regelmäßige EKG-Kontrollen obligat sind (zu Therapiebeginn sollte die QTc-Zeit < 450ms/bei Frauen < 470ms sein); das Risiko für eine deutliche Gewichtszunahme ist sehr gering.

VIII: Asenapin: = Sycrest; mittlere Tagesdosis 10- 20mg/d.

1) Indikation:  Behandlung von mäßigen bis schweren manischen Episoden bei bipolaren affektiven Störungen.

2) Wirkmechanismus: Antagonismus an Dopamin-2- und Dopamin-3-Rezeptoren sowie den 5HT2A-Rezeptoren und wirkt somit antipsychotisch, antimanisch, aber auch sedierend.