Klinik / Subtypen / Komorbiditäten der Depression

Klassifikation: Die Depression ist durch den Verlust an Freude und Interesse, Veränderungen der Psychomotorik und des Antriebs, sowie durch Hemmung im formalen Denken und körperlich-vegetative Symptome definiert und lässt sich klassifizieren nach:

→ I: Die unipolare Depression wird unterteilt in eine:

→ 1) Depressive Episode und eine

→ 2) Rezidivierende depressive Störung (ab der 2. Episode).

→ II: Bezüglich ihres Schweregrades differenziert man zwischen:

→ 1) Leichter Depression,

→ 2) Mittelschwerer - (bei leichter und mittelgradiger Episode wird zusätzlich mit/ohne somatisches Syndrom angegeben. Eine depressive Episode mit somatischem Syndrom wird auch als vitale oder früher als endogene Depression bezeichnet.) und

→ 3) Schwerer Depression (mit oder ohne psychotische Symptome).

241 Schweregrad der depressiven Episode nach ICD 10

 IV: Bei der leichten bis mittelgradigen Depression kann zusätzlich noch ein somatische Syndrom bestehen. Eine solche depressive Episode mit somatischen Syndrom wird auch als vitale - oder früher "endogene Depression" bezeichnet. Ein somatisches Syndrom liegt vor, wenn mindestens 4 der nachfolgenden Kriterien zutreffen: 

661 Wichtige Kriterien des somatischen Syndroms

 

→ Klinik: Die klinische Symptomatik der Depression umfasst insbesondere: 

→ I: Affekt:

 1) Depressive Verstimmung: Assoziiert mit Traurigkeit, Niedergeschlagenheit, Freudlosigkeit und Hoffnungslosigkeit, aber auch mit dem Gefühl der Gefühlosigkeit.

2) Anhedonie: Unfähigkeit, Freude zu empfinden.

3) Gefühl der Gefühllosigkeit: Unfähigkeit Zuneigung und Liebe zu Bezugspersonen aufzubauen.

4) Vitale Depression: Kommt es im Zuge der Traurigkeit zu leiblichen Symptomen wie Missempfindungen, Schmerzen, Druckgefühl in der Brust- oder Magenregion spricht man von dieser.

→ 5) Weitere Affektstörungen: Sind Ängstlichkeit, eine dysphorische Stimmung sowie ein vermindertes Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen.

  II: Formale Denkstörungen:

→ 1) Denkhemmung: Hierbei kommt es zu einer Verlangsamung des Denkablaufes bis hin zur Gedankensperre. Die Gedanken sind nur auf wenige Themen beschränkt und es besteht ein dauerhaftes pathologisches Grübeln (in der Regel negativ besetzt).

2) Einsilbigkeit und Wortkargheit.

3) Abnahme der Aufmerksamkeit, der Konzentration, sowie Merkfähigkeitsstörungen. Dieses kann gerade bei älteren Menschen das Bild einer Demenz vortäuschen (= Pseudodemenz).

662 Differenzialdiagnose Demenz bzw. Pseudodemenz bei Depression

III: Inhaltliche Denkstörungen: Im Zuge einer depressiven Episode können sich Wahnideen entwickeln. Hierbei spricht man dann von einer wahnhaften, psychotischen Depression. Die Wahnideen leiten sich meist von der gedrückten Stimmung ab (synthyme, stimmungskongruente Wahnideen); hierzu zählen:

1) Verarmungswahn (z.B. Das Geld reicht nicht, die Kinder werden verhungern),

→ 2) Hypochondrischer Wahn (z.B. Ausgeprägte Angst, an einer unheilbaren Krankheit zu leiden),

3) Nichtigkeitswahn/nihilistischer Wahn (Wahnhafte Überzeugung nicht zu existieren; wird als Cotard-Syndrom  bezeichnet) und

4) Versündigungswahn: Wahnhafte Vorstellung schwere Sünde begangen zu haben, die dann zur Krankheit geführt haben. 

→ 5) Schuldwahn: Wahnhafte Überzeugung, die ganze Welt ins Unglück gestürzt zu haben.

IV: Wahrnehmungsstörungen: Es können sich während einer depressiven Episode Wahrnehmungsstörungen manifestieren. Hierbei handelt es sich dann häufig um akustische Halluzinationen (= Pseudohalluzinationen). Die Stimmen halten den Patienten meist die eigene Wertlosigkeit und das eigene Versagen vor und fordern sie evtl. zum Suizid auf. Seltener entwickeln sich Geruchshalluzinationen (Verwesung, Fäulnis).

 

  Klinisch-relevant:

→ A) Beim Vorhandensein von Wahrnehmungsstörungen besteht immer eine erhöhte Suizidalität

→ B) Eine wichtige Differenziadiagnose stellt die Schizophrenie dar. 

 

V: Antrieb/Psychomotorik:

→ 1) Meist ist der Antrieb vermindert bis gehemmt und die Bewegungsabläufe verlangsamt. Jedoch kann dieser auch durch innere Unruhe und Agitiertheit geprägt sein.

2) Depressiver Stupor: Es stellt die schwerste Form der Depression dar; charakteristischerweise verharren die Patienten in gleicher Position, erscheinen bewegungslos und reagieren kaum auf Aufforderungen.

3) Die Verlangsamung des Antriebs sowie die gedrückte Stimmung sind insbesondere morgens stark ausgeprägt (Morgentief).

  VI: Vegetative Störungen: Hier sind gerade zwei Symptome von Bedeutung: 

1) Schlafstörungen: Schlafstörungen äußern sich als Ein- bzw. Durchschlafstörungen.

2) Appetitverlust: Die meisten Patienten weisen einen ausgeprägten Appetitmangel auf, sodass es häufig zu ausgeprägten Gewichtsverlust kommt.

→ 3) Weitere somatische Symptome: Sind erhöhte Schmerzempfindlichkeit, Libidoverlust, Kopfschmerzen, Schwindel, Ohrensausen, Obstipation und Muskelkrämpfe.

  VII: Suizidalität: Fast alle Patienten beschäftigen sich während der depressiven Episode mit dem Tod. Es versterben  ca. 2-8% der Patienten mit rezidivierenden depressiven Episoden durch einen Suizid.

 

  Klinisch-relevant: Psychopathologische Aspekte, die das Suizid-Risiko deutlich erhöhen:

A) Innere Unruhe,

→ B) Gefühl der absoluten Hilflosigkeit und des Ausgeliefert-Seins, 

→ C) Hoffnungslosigkeit, fehlende Zukunftsperspektive,

→ D) Erleben der eigenen Person als Belastung und Schande für das Umfeld, 

→ E) Psychoaltruistische Suizidgedanken (Erlösung anderer),

→ F) Schwere Depression,

→ G) Vorhandensein von Wahnideen wie Schuld- und Versagenswahn, 

→ H) Akustische Halluzinationen mit imperativen Stimmen und Suizidaufforderungen.

 

Verlaufsform: Die Depression verläuft zumeist in Phasen/Episoden, wobei eine Episode durchschnittlich 6-8 Monate anhält. (durch die antidepressive Therapie haben sich die einzelnen Phasen deutlich verkürzt und in ihrer Intensität verringert). 

253 Schematische Darstellung der rezidivierenden depressiven Störung

 

Klinisch-relevant:

→ A) Bei 2/3 der Patienten bildet sich die depressive Episode vollständig zurück.

B) 1/3 der Patienten beschreibt eine Linderung der Symptome.

C) In 60% der Fälle entwickelt sich ein Rezidiv.

D) In 10-15% findet man eine chronische Depression, bei der die charakteristischen Symptome mindestens 2 Jahre anhalten.

 

Klassifikation: Der Depression:

→ I: Lavierte Depression: Auch somatische Depression genannt. Sie ist gekennzeichnet durch diffuse körperliche Beschwerden (Kopfschmerzen, Schwindel, Rückenschmerzen, Druck und Stechen in der Herzgegend, Völlegefühl, Sodbrennen, Bauchschmerzen, Zyklusstörungen, etc.) Leibesgefühlsstörungen und Missempfindungen.

II: Gehemmte Depression: Hierbei stehen Hemmung des Antriebs und der Psychomotorik bis hin zum depressiven Stupor im Vordergrund. Die Patienten klagen über erheblichen Energieverlust und persistente Müdigkeit.

III: Ängstlich-agitierte Depression: Diese Form der Depression ist durch das Auftreten von Unruhezustände, Schreckhaftigkeit und Ängstlichkeit charakterisiert. Die Patienten weisen eine innere/motorische Unruhe, eine ängstliche Getriebenheit bis hin zu vollständigen Panikattacken auf.

IV: Psychotische/Wahnhafte Depression: Es stehen Wahnideen, die synthym d.h. die sich von der gedrückten Stimmung ableiten, wie Verarmungs-, Versündigungs- oder nihilistischer Wahn, im Vordergrund.

V: Alter-/Involutionsdepression: Erstmaliges Auftreten einer Depression um das 65. Lebensjahr.

VI: Schwangerschaftsdepression: Tritt während der Schwangerschaft auf.

VII: Wochenbettdepression: Sie manifestiert sich deutlich häufiger als die Schwangerschaftsdepression. Tritt meist 1-2 Wochen nach der Geburt aufgrund einer postnatalen hormonellen Umstellung auf. Differenzialdiagnosen der Wochenbettdepression sind u.a.:

1) Wochenbett-Blues: Auch Heultage genannt; manifestieren sich zumeist am 2.-3. postnatalen Tag und Schwangere weisen in bis zu 50% der Fälle charakteristische Symptome auf.

2) Postnatale Psychose: Meist handelt es sich um eine Depression mit begleitenden wahnhaften Symptomen; es kann aber auch eine schizophrene Psychose sein.

→ VIII: Saisonale Depression: Rezidivierende Depression in den Wintermonaten mit atypischer Symptomatik wie z.B. vermehrter Appetit, (insbesondere auf Kohlenhydrate), Gewichtszunahme, Kälteempfindlichkeit und ein erhöhtes Schlaftbedürfnis. Sie weist häufig eine Bipolare-II-Verlaufsform mit hypomanischer Anschlussphase im Frühjahr auf.

→ IX: Endogene Depression: (Auch Melancholie bezeichnet) Mit dem Gefühl der Gefühllosigkeit, charakteristischen Tagesschwankungen mit Morgentief, Durchschlafstörungen, frühmorgentliches Erwachen, Denkhemmung und evtl. Vorhandensein von Wahnideen.

→ X: Anankastische Depression: (= Zwanghafte Depression) Hierbei stehen Zwangsgedanken und -handlungen im Vordergrund. Die Primärpersönlichkeit ist gekennzeichnet durch übermäßige Ordentlichkeit und Gewissenhaftigkeit. Im Gegensatz zur Zwangsstörung findet eine vollständige Remission der Zwangssymptome bei Besserung der Depression statt.

XI: Rezidivierende kurze depressive Episoden: Stellen repetitive intensive Verstimmungsphasen dar, die weniger als 2 Wochen anhalten, jedoch alle Kriterien einer Depression beinhalten. Charakteristisch ist das Auftreten von > als einer Episode innerhalb eines Monats mit einer ungefähren Dauer von 2-4 Tagen.

 

→ Komorbiditäten: Die Depression ist häufig mit weiteren psychischen Störungen vergesellschaftet; hierzu zählen:

→ I: Angststörung: Vor Beginn einer Depression manfeistiert sich häufig eine Angststörung. Dies ist häufig ein charakteristisches Zeichen für eine Therapieresistenz und Chronifizierung.

→ II: Zwangsstörung,

→ III: Alkohol-, Drogen- und Medikamentenabhängigkeit.

→ IV: Persönlichkeitsstörungen: Es sind insbesondere die narzisstische -, histrionische - und die Borderline- Persönlichkeitsstruktur betroffen.

→ V: Essstörungen: Wie die Anorexia nervosa und Bulimia nervosa.

 

→ Klinisch-relevant: Die Depression kann aber auch gehäuft mit somatischen Erkrankungen auftreten:

→ A) 45% der Parkinson-Patienten weisen eine Depression auf.

 B) 25% der Schlaganfall-Patienten.

→ C) 20% der Myokardinfarkt-Patienten und

→ D) 15% der Patienten mit Diabetes mellitus.