Emotional-instabile-/ Borderline-Persönlichkeitsstörung

  Definition: Die emotional-instabile Persönlichkeitsstörung gehört neben der narzisstischen -, histrionischen- und der dissozialen Persönlichkeitsstörung zum Cluster-B und ist insbesondere durch nachfolgende Aspekte charakterisiert:

→ I: Ein impulsives Handeln, ohne nachfolgende Konsequenzen zu berücksichtigen und

→ II: Eine sich z.T. schnell-wechselnde instabile Stimmung (Affektlabilität, emotionale Instabilität).

→ III: Anhand der Leitsymptome werden 2 Unterformen unterschieden:

→ 1) Impulsiver Typus und

→ 2) Borderline-Typus.

756 Unterformen der emotional instabilen Persönlichkeitsstörung

 

Epidemiologie:

→ I: Die Prävalenz für eine Borderline Persönlichkeitsstörung liegt in der Allgemeinbevölkerung bei 0,7-3%. 

→ II: In psychiatrischen Einrichtungen findet man sie in 10-15%. 

→ III: Das weibliche Geschlecht ist mit 75% deutlich häufiger betroffen als Männer. Der impulsive Typ jedoch tritt insbesondere bei Männern auf.

→ IV: Der Manifestationsgipfel liegt zwischen der jungen Adoleszenz und dem 30. Lebensjahr

 V: Die BPS weist eine 50-fach erhöhte Suizidalität auf.

 

  Ätiologie: Bei Genese der emotional-instabilen PS handelt es sich um ein multifaktorielles Geschehen:

→ I: Psychosoziale Faktoren: Diesbezüglich spielen das weibliche Geschlecht und die Sozialisation eine wichtige Rolle. Die Betroffenen weisen in frühster Kindheit nicht selten sexuellen (70%) Missbrauch, körperliche Gewalt (60%) oder emotionale Vernachlässigung auf.

→ II: Neurobiologische Faktoren: Hierzu zählen:

→ 1) Bildgebende Verfahren zeigen eine verminderte Aktivität der frontalen Kortex und eine reduzierte Größe der Amygdala und des Hippocampus.

→ 2) Dysfunktion des serotonergen Transmittersystems,

→ 3) Erhöhte Schmerzschwelle.

III: Psychodynamische Vorstellungen: Hierbei fundieren die charakteristischen Borderline-Symptome, wie Instabilität und Impulsivität, auf einem hereditär und traumatisch-bedingten Übermaß an Wut und Aggressionen. Als Ursache wird eine Störung in der frühkindlichen Phase (18.-36. Lebensmonat), in der der Mechanismus der intraseelischen Spaltung dominiert, angenommen. Es gelingt den Betroffenen nicht gegensätzliche, emotional-ambivalente Konflikte und Qualitäten in der eigenen Persönlichkeit und auch bei anderen emotional-bedeutenden Bezugspersonen zu vereinen. Vielmehr müssen sie in rein-gut und rein-böse gespalten werden, sodass Bezugspersonen alternierend als gut, sichernd, versorgend oder gefährlich, versagend wahrgenommen werden. Eine konstante emotionale Vorstellung gegenüber dem eigenen Ich und weiteren wichtigen Bezugspersonen aufrecht zu halten, gelingt nicht. 

 

  Klassifikation: Nach ICD-10 wird die emotional-instabile Persönlichkeitsstörung nochmals unterteilt in:

→ I: Impulsiven Typ: Hierbei sind typische Charakterzüge, emotionale Instabilität und mangelnde Impulskontrolle. Häufig kommt es zu gewalttätigen Ausbrüchen und bedrohlichen Handlungen bei Kritik gegen die eigene Person.

→ II: Borderline-Typ: Bei dieser Form sind klassische Charkteristika emotionale Instabilität, gestörte Wahrnehmung des Selbstbildes und der eigenen Ziele. Des Weiteren kann es durch intensive, aber nicht beständige Beziehungen zu emotionalen Krisen mit Selbstverletzung und Suizidversuchen kommen. Zumeist besteht bei den Patienten ein Gefühl der chronischen inneren Leere.

 

Klinik: Allgemein beinhaltet die Borderline-Persönlichkeitsstörung neurotische sowie psychotische Aspekte.

→ I: Störung in der Affektregulation: Mit verminderter Reizschwelle (= Frustrationsintoleranz) zur Auslösung einer emotionalen Reaktion, verlängerter Dauer bis zum Abklingen der Emotion.

→ II: Stimmung: Die Stimmung unterliegt starken Schwankungen ("himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt), kann sich abrupt ändern oder es können unterschiedliche Stimmungsqualitäten nebeneinander bestehen und ein Gefühlschaos hervorrufen.

III: Gerade negative Gefühle wie Traurigkeit, Ärger und Wut werden bei den Betroffenen meist als langanhaltender und quälender Spannungszustand wahrgenommen und es bilden sich häufig dissoziative Phänomene wie eine gestörte Körperwahrnehmung oder vermehrte Analgesie aus.

IV: Autoaggression: Nicht selten entwickelt sich ein selbstverletzendes Verhalten mit charakteristischen Unterarmschnittwunden, Ausdrücken von Zigaretten am Körper, Schlagen des Kopfes gegen die Wand, welches zum Spannungsabbau und zur Euphorie nach belasteten Situationen führt.

→ V: Insbesondere beim impulsiven Typ sind Trotz- und Wutreaktionen, Streitlust, latente Reizbarkeit typische Symptome.

 

Klinisch-relevant: Diese Spannungszustände können bei Patienten mit BPS durch selbstverletzende Handlungen minimiert bzw. aufgehoben werden und dienen somit zur Spannungsregulation (als positiver Verstärker).

 

 VI: Riskantes Verhalten: Mit Balancieren auf Gerüsten, Sitzen auf Bahnschienen, riskantem Sexualverhalten, impulsivem inadäquatem Einkaufen, aber auch exzessivem  Alkohol-, Medikamenten- und Drogenkonsum.

→ VII: Wahrnehmungsstörungen: Hier findet man Flashbacks (bezogen auf traumatisierende Ereignisse), die z.T. über Tage anhalten und Pseudohalluzinationen (werden als solche identifiziert; sind Ich-dyston) beinhalten. Des Weiteren können sich Depersonalisations- und Derealisationserleben manifestieren.

  VIII: Beziehungsstörungen: Diese sind geprägt von einem schnellen Wechsel zwischen Annäherung und abrupter Distanz (= Nähe-Distanz-Konflikte). Hierdurch ist der Aufbau einer tragfähigen, zwischenmenschlichen Beziehung nicht möglich. Nicht selten ist auch die sexuelle Orientierung gestört.

IX: Weitere Symptome sind Identitätsstörungen mit ausgeprägter Instabilität des Selbstbildes, innere Leere, Depressivität, Zwangsstörungen, Essstörungen, Schlafstörungen mit Alpträumen und nicht zuletzt Suizidalität mit -gedanken und Suizidhandlungen.

 

  Komorbiditäten: Bei Patienten mir BPS findet man häufig:

→ I: Depression (in bis zu 90% der Fälle),

→ II: Angststörungen, (z.B. Panikattacken, soziale Phobie, spezielle Phobien) in 88%,

→ III: Substanzmissbrauch/Abhängigkeitserkrankungen (64%),

→ IV: Essstörungen (53% der Fälle),

→ V: Dependente PS

→ VI: Ängstlich-vermeidende PS.

→ VII: Polytoxikomanie

 

Diagnose: Um die Diagnose der Borderline-PS zu stellen, müssen mindestens 5 der nachfolgenden Kriterien zutreffen:

→ I: Affekt:

→ 1) Häufige Wutausbrüche und Schwierigkeiten, diese zu kontrollieren.

2) Überschießende emotionale Reaktionen bzw. affektive Instabilität,

→ 3) Gefühl der inneren Leere.

→ II: Impulsivität:

→ 1) Impulsives Verhalten in mindestens 2 selbstschädigenden Bereichen wie der Sexualität, Substanzenmissbrauch, Autofahren, Essstörungen.

→ 2) Rezidivierende Suiziddrohungen (manipulatives suizidales Verhalten) und -versuche.

→ III: Kognitionen:

→ 1) Stressbedingtes Auftreten von paranoiden oder dissoziativen Phänomenen (dissoziative Störungen).

→ 2) Identitätsstörungen.

IV: Interpersoneller Bereich:

→ 1) Stetiges Vermeiden, allein zu sein,

→ 2) Störungen der Nähe-Distanz-Regulierung innerhalb zwischenmenschlicher Beziehungen.

757 Diagnosekriterien der emotional instabilen Persönlichkeitsstörung

 

→ Psychologische Testverfahren: Weitere gängige Verfahren bei der Diagnosestellung der BPS sind strukturierte klinische Interviews wie:

→ I: IPDE = International personality disorder Examination, aber auch spezielle, für diese Störung ausgerichtete, diagnostische Interviews wie

→ II: BPI = das Borderline-Persönlichkeitsinventar: Der BDI umfasst folgende Scalen:

→ 1) Entfremdungserlebnisse und Identitätsdiffusion,

→ 2) Ängste vor Nähe,

→ 3) Primitive Abwehrmechanismen und Objektbeziehungen und

→ 4) Mangelnde Realitätsprüfung.

 

  Differenzialdiagnose: Von der Borderline-Persönlichkeitsstörung müssen insbesondere nachfolgende Erkrankungen abgegrenzt werden:

→ I: Borderline-Typus:

→ 1) Frühkindliche hirnorganische Schädigung,

→ 2) Persönlichkeitsstörungen z.B. Schizoide - oder schizotype PS.

→ 3) Dissoziative Störungen,

→ 4) Zyklothymia,

→ 5) Alkoholabhängigkeit und weitere Suchterkrankungen, sowie 

→ 6) Bipolare affektive Störungen und die posttraumatische Belastungsstörung. 

→ II: Impulsiver Typus:

→ 1) Beginnende degenerativen Erkankungen wie die frontotemporale Demenz, der Morbus Pick etc.

→ 2) Dissoziale Persönlichkeitsstörung

→ 3) Schizophrenie, insbesondere die hebephrene Schizophrenie,

→ 4) Impulskontrollstörungen.