Definition: Beim Dysäquilibriumsyndrom handelt es sich um eine zumeist passagere Enzephalopathie, die während oder unmittelbar nach der Hämodialyse auftreten kann. Es stellt einen schwerwiegenden Dialysezwischenfall zu Beginn einer Dialysetherapie dar.

 

Ätiopathogenese: An der Blut-Hirn-Schranke laufen die Diffusionsprozesse physiologischerweise verzögert ab.

→ I: Werden nun während eine Hämodialyse insbesondere zu Therapiebeginn zu schnell Osmolyte wie Harnstoff aus dem Blutplasma entfernt, manifestiert sich infolge der verzögerten Diffusion aus dem ZNS ein osmotischer Gradient zulasten des zentralen Nervensystems mit konsekutiver Entwicklung eines Hirnödems. Ursache hierfür ist, dass es insbesondere während der Urämie zu einer zu geringen Expression von Harnstofftransportern einerseits und zu einer massiven Expression von Aquaporinen im ZNS andererseits kommt. Folglich kann weniger Harnstoff aus den Zellen heraustransportiert werden und gleichzeitig erfolgt ein beschleunigter H2O-Einstrom.

→ II: Wichtige Risikofaktoren für die Entwicklung eines Dysäquilibriumsyndroms sind insbesondere:

→ 1) Dialysebeginn (Erstdialyse im Rahmen z.B. eines akuten Nierenversagens, Urämie, urämischen Enzephalopathie, etc.) mit sehr hohen Harnstoffkonzentrationen und zu lange Dauer der Erstdialyse.

→ 2) Schwere metabolische Azidose.

→ 3) Patienten mit weiteren neurologischen Erkrankungen wie Störungen der Blut-Hirn-Schranke (Sepsis, Schlaganfall) sowie neurochirurgische Patienten.

 

Epidemiologie:

→ I: Obwohl das Dysäquilibrium-Syndrom in allen Altersgruppen auftreten kann, sind insbesondere Kleinkinder und ältere Menschen davon betroffen.

→ II: Des Weiteren ist die Inzidenz bei vorbestehenden neurologischen Erkrankungen wie z.B. Schädel-Hirn-Trauma, Insulte oder maligne Hyperthermie besonders hoch.

 

Klinik: Klinische Symptome treten während der Hämodialysebehandlung oder aber auch einige Stunden nach Therapie auf.

→ I: Leichte Symptome: Ruhelosigkeit, Kopfschmerzen, Übelkeit, Erbrechen, arterielle Hypertonie, Sehstörungen, Schwindel, Flattertremor, Muskelkrämpfe und Desorientierung.

→ III: Schwere Symptome: Sind u.a. Verwirrtheit, wechselnde Bewusstseinslage bis hin zum Koma, zerebrale Krampfanfälle bis hin zum Tod.

 

Diagnose: Die Diagnose des Dysäquilibrationsyndrom kann durch eine Reihe neurologischer Symptome bei Patienten mit Niereninsuffizienz, möglichen

neuropsychiatrischen Vorerkrankungen (Schädel-Hirn-Trauma, intrazerebrale Blutungen etc.), aber auch bei z.B. septischen Intensivpatienten mit schwerer metabolischer Azidose deutlich erschwert sein und stellt letztendlich eine Ausschlussdiagnose dar.

 

Differenzialdiagnose: Vom Dysäquilibriumsyndrom müssen insbesondere nachfolgende Erkrankungen abgegrenzt werden.

→ I: Weitere neurologische Erkrankungen wie Schädel-Hirn-Trauma, intrazerebrale Blutungen (Subduralhämatom).

→ II: Metabolische Erkankungen: Wie insbesondere

→ 1) Hyponatriämie und

→ 2) Hyperglykämie.

→ III: Medikamentassoziierte neurologische Störungen und nicht zuletzt

→ IV: die Urämie bzw. die urämische Enzephalopathie selbst.

 

Therapie: Im Mittelpunkt der Behandlung des Dysäquilibrationsyndrom bzw. im Umgang mit diesem Syndrom steht die Prävention.

→ I: Präventive Interventionen: Umfassen nachfolgende Aspekte:

→ 1) Die Dialyse initial so zu dosieren, dass der Harnstoff nur langsam gesenkt wird.

→ 2) Kurze Dialysezeiten mit niedrigem Blutfluss und kleiner Dialysatoroberfläche (insbesondere bei Intensivpatienten werden kontinuierliche Nierenersatzverfahren mit niedriger Clearance eingesetzt).

→ 3) Weitere Präventionsmaßnahmen beinhalten den Einsatz einer reinen Ultrafiltrationsbehandlung oder die Peritonealdialyse.

II: Tritt jedoch eine Dysäquilibrium-Symptomatik auf, muss die Dialysetherapie sofort unterbrochen werden. Stellt sich zeitnah keine Besserung der klinischen Symptomatik ein, bedarf es einer stationären Überwachung mit konsekutivem neurologischem Monitoring und zudem sollte eine anitkonvulsive medikamentöse Therapie in Betracht gezogen werden.