Definition: Die Unterarmfrakturen stellen knöcherne Vereltzungen im Bereich der Unterarmschaftknochen dar. Sonderformen bilden Kombinationsverletzungen, bestehend aus Frakturen und Luxationen; zu ihnen zählen v.a.: 

 I: Die Fraktur beider Unterarmknochen, Ulna und Radius,

 II: Die isolierte Fraktur eines Unterarmknochens (Ulna oder Radius) sowie

 III: Die Luxationsfrakturen unter Einbeziehung anliegender Gelenke. Hierzu gehören:   

→ 1) Monteggia-Fraktur: (= proximale Ulnaschaftfraktur, sowie eine Luxation des Radiusköpfchen), 

2) Galeazzi-Fraktur: (= Radiusschaftfraktur mit Ruptur der Membrana interossea und Luxation im distalen Radioulnargelenk). 

→ 3) Essex-Lopresti-Verletzung: Sind sehr selten. Es handelt sich um eine Radiusköpfchenfraktur kombiniert mit einer Ruptur der Membrana interossea und einer distalen Radioulnargelenksluxation.

507 Wichtige Aspekte der Essex Lopresti Fraktur

 

Ätiologie: Sowohl komplette Unterarmschaftfrakturen, als auch isolierte Frakturen von Ulna oder Radius entstehen durch direkte oder indirekte Gewalteinwirkung, wie nach Verkehrsunfällen, Sturz aus hoher Hohe, ausgeprägte Biege- und Stauchungskräfte etc.

 

  Klassifikation: Die Unterarmfrakturen werden nach der AO-Klassifikation in:

→ I: A-Frakturen: Einfache Querfrakturen der Ulna und/oder des Radius.

→ II: B-Frakturen: Keilfrakturen der Ulna und/oder des Radius,

→ III: C-Frakturen: Hierbei handelt es sich um Mehrfragment- oder Trümmerfrakturen einer oder beider Unterarmknochen. 

504 AO Klassifikation der Unterarmfraktur A

506 AO Klassifikation der Unterarmschaftfrakturen B

→ 1) C1-Fraktur: Der Radius ist einfach frakturiert, die Ulna mehrfragmentär.

→ 2) C2-Fraktur: Radiusschaftstückbruch, Ulna einfach frakturiert.

→ 3) C3-Fraktur: Ulna und Radius mehrfragmentär.

505 AO Klassifikation der Unterarmschaftfraktur (C Frakturen)

 

Klinisch-relevant:

→ A) Die isolierte Radiusfraktur findet man in 15%,

→ B) Die isolierte Ulnafraktur in 25% und

C) Die Fraktur beider Unterarmknochen als Unterarmschaftfraktur in 60%.

 

Klinik:

→ I: Isolierte Ulna/Radiusfraktur:

1) Schwellung, Schmerzen, Bewegungseinschränkung.

→ 2) Gerade bei der proximalen Radiusfraktur kann es zu weiteren Begleitverletzungen wie Nervus radialis Läsion mit Ausbildung einer Fallhand, Sehnen- und Gefäßverletzungen kommen.

II: Unterarmschaftfraktur: Hiervon spricht man, wenn beide Knochenschäfte (Ulna und Radius) frakturiert sind. Sie ist mit 60% die häufigste Form der Unterarmfrakturen. Klinische Symptome sind insbesondere:

→ 1) Deutliche Schwellung,

→ 2) Starke Schmerzen,

→ 3) Sichtbare Fehlstellung des Unterarms,

→ 4) Instabilität der Fraktur,

→ 5) Nicht selten ausgeprägte Weichteilverletzungen. 

 

Klinisch-relevant: Bei Unterarmfrakturen im Kindesalter handelt es sich zumeist um eine Grünholzfraktur aufgrund des sehr kräftigen Periosts.

 

Diagnose:

→ I: Klinische Untersuchung mit DSM-Kontrolle zur frühzeitigen Erfassung von Begleitverletzungen.

→ II: Röntgen: Des Unterarms sowie der angrenzenden Gelenke (des Ellenbogen- und Handgelenkes) in 2 Ebenen.

 

Therapie: Unterarmschaftfrakturen bei Kindern werden eher konservativ, im Erwachsenenalter eher operativ behandelt.

→ I: Behandlung im Erwachsenenalter:

→ 1) Eine konservative Therapie der Unterarmfraktur ist, wegen 

A) Der schwierigen Reposition,

→ B) der zeiltlich langen Ruhigstellung der Fraktur und

→ C) Der häufigen Komplikationen wie Ausbildung einer Pseudoarthrose, nicht möglich.

2) Operativ:

→ A) Ist das Mittel der Wahl, sowohl bei den isolierten Unterarmfrakturen als auch bei der Unterarmschaftfraktur. Bevorzugt wird eine Plattenosteosynthese ( Ulna vor Radius). Bei 20% der Patienten muss eine Spongiosaplastik durchgeführt werden. 

→ B) Besteht eine Polytrauma oder schwere Weichteilverletzungen, sollte ein Fixateur externe verwendet werden.

 

Klinisch-relevant: Notfallsituationen bei den Unterarmfrakturen stellen Fraktur-Instabilität sowie ein hohes Risiko für das Kompartmentsyndrom und Nervenläsionen dar.

 

→ 3) Postoperativ: Ruhigstellung mittels Oberarmgips für 3-4 Tage in 60° Beugestellung. Nachfolgende Physiotherapie. Die Metallentfernung erfolgt nach 2 Jahren.

II: Behandlung im Kindesalter:

→ 1) Konservativ: Bei gering-dsilozierten Grünholzfrakturen (d.h. < 20° Achsenabweichung bei Kindern < 5 Jahre bzw. < 10° Achsenabweichung bei älteren Kindern) kann eine konservative Therapie mittels Oberarmgips für 3-4 Wochen erfolgen.

2) Operativ:

→ A) Bei hochgradig-dislozierter Grünholzfrakturen erfolgt, unter Narkose, eine vollständige Frakturierung der gegenseitigen Kortikalis mit nachfolgender Reposition und Ruhigstellung der Fraktur mittels Oberarmgips.

B) Bleibt die Fraktur postoperativ weiterhin instabil, sollte eine Fixierung mittels Nancy-Nagel durchgeführt werden.

C) Komplette Frakturen sollten, aufgrund ihrer Instabilität, primär immer mit Nancy-Nagel bzw. bei Jugendlichen mit Platten behandelt werden.

 

Komplikationen:

→ I: Wichtige Komplikationen beim Erwachsenen:

→ 1) Ausbildung einer Pseudarthrose,

→ 2) Kompartment-Syndrom

→ 3) Bewegungseinschränkung bzw. -aufhebung bei der Pronation/Supination durch Schrumpfung bzw. Verknöcherung der Membrana interossea.

→ II: Wichtige Komplikationen im Kindesalter:

→ 1) Refraktur,

→ 2) Bewegungseinschränkungen bei Pronation/Supination durch Schrumpfung der Membrana interossea,

→ 3) Ausbildung eines Kompartment-Syndroms.